Mit den Vorwahlen in Kalifornien und Süddakota wurde am Dienstag die erste Phase des amerikanischen Wahlkampfes beendet. Die folgende Analyse schrieb unser Washingtoner Korrespondent, ehe die Nachricht von dem Attentat auf Robert F. Kennedy bekanntgeworden war.

Washington, im Juni

Der amerikanische Präsident wird vom Volk gewählt, aber die den Wählern präsentierten Kandidaten ermitteln die nationalen Parteitage – in diesem Jahr im August. Bei der Auslese der Delegierten zu diesen beiden großen Konventen der Republikaner in Miami Beach und der Demokraten in Chikago geht es weniger demokratisch als autokratisch zu; den Ausschlag für die Zusammensetzung der Landesdelegationen aus den 50 Bundesstaaten und der Hauptstadt Washington geben die Manipulationen der lokalen Parteiführer, ihr Sympathieverhältnis zu den Präsidentschaftsbewerbern und ihre eigenen Ambitionen.

Zwar hat John F. Kennedy vor seinem Feldzug von 1960 einmal behauptet, in der Gegenwart setze sich ein Politiker nur noch durch, wenn er seine Wählbarkeit, seinen Magnetismus auf die Massen, hinreichend in den Vorwahlen nachweise. Das ist aber 1968 bereits wieder nur eine Halbwahrheit. Hubert Humphrey als Kandidat der Administration nahm bei den Demokraten an keiner der fünfzehn Vorwahlen teil und liegt doch beim Werben um die Parteitagsdelegationen so weit an der Spitze, daß seine Nominierung schon nahezu gesichert ist. Richard Nixon hat bei den Republikanern zwar eifrig in den Vorwahlen gefochten und nirgendwo einen erklärten Gegner gehabt, was ihm mühelose Siege einbrachte; doch der wichtigere Teil seiner Kampagne rollte schon vor den primaries unter den Notabeln der Landes-Parteiorganisationen. Er sicherte sich ihren Zuspruch, er belebte alte Loyalitäten, er erwarb Zusagen.

Darum kann nur noch eine ganz unerwartete Entwicklung die Nominierung Nixons zum offiziellen Kandidaten der Republikanischen Partei verhindern. Humphrey und Nixon sind in Reichweite der einfachen Mehrheit der Delegiertenstimmen auf den Parteitagen, die zur Nominierung erforderlich ist. Offen ist im Augenblick nur, ob sie das Ziel bereits im ersten Abstimmungsgang oder erst nach einem Vorgeplänkel gegen die im Rennen verbliebenen Rivalen erreichen.

Die Serie der fünfzehn Vorwahlen, die Mitte Juni abgeschlossen wird, hat daher für die Kandidatenauslese nur partielle Bedeutung, wenn sie auch durch das mit ihr verbundene Spektakel des Wahlkampfes, die Spannung an den Abstimmungstagen und die Überraschungen von Siegen und Niederlagen den Vordergrund der Kampagne beherrscht. Vorwahlen können von Bedeutung sein, wenn sie einen bis dahin namenlosen Politiker in die Öffentlichkeit katapultieren – wie Senator Eugene McCarthy; oder wenn das Versäumnis, an ihnen teilzunehmen, ohnehin schwache Chancen noch ungewisser macht – wie für Nelson Rockefeller. Daher sind die Vorwahlen Verlockung und Verhängnis zugleich. Ihre Doppeldeutigkeit bekam dieses Mal besonders Senator Robert Kennedy zu spüren.

Der junge Held, der seinem Ehrgeiz sogar einen Teil seiner Stirnlocke opferte, um seriöser zu wirken, brachte eine Vielfalt von Voraussetzungen mit. Der Name Kennedy ist noch immer von großer Zugkraft, die Familie hat viel Geld, die alte Mitarbeiterschaft aus dem Weißen Haus und aus den Tagen der „New Frontier“ war fast vollzählig zur Stelle, Frau Ethel erwartet zur Führung amerikanischer Mütter rechtzeitig im Januar ihr elftes Kind, und Bobby erzeugt Begeisterung. Er hebt sich deutlich gegen das erschlaffte Regime Lyndon Johnsons ab.