Im letzten Jahr vollzog sich eine umgekehrte Entwicklung: die deutsche Wirtschaftsflaute zog die Franzosen, und – in geringerem Ausmaß – auch Belgier und Holländer in Mitleidenschaft. Die Erklärung dafür, daß Frankreich besonders stark von der schlechten Wirtschaftsentwicklung in der Bundesrepublik beeinflußt wurde, liegt einfach darin, daß die Franzosen die besten Kunden Deutschlands sind und umgekehrt die Bundesrepublik von allen Ländern der Welt am meisten in Frankreich kauft.

Als Folge der deutschen Flaute schrumpften deshalb sofort die Umsätze der französischen Firmen. Darüberhinaus versuchten die deutschen Unternehmen, sich für die schlechten Inlandsgeschäfte im Ausland schadlos zu halten. Wegen des Zollabbaus war ihnen bei ihrer Exportoffensive in den Ländern der Gemeinschaft besonderer Erfolg beschieden. Das Resultat: in Frankreich, aber auch in Holland und Belgien kam es ebenfalls zu Absatz- und Beschäftigungsrückgang.

Handel findet eben nie auf einer Einbahnstraße statt. Jetzt kann es uns passieren, daß die französische Krise auf andere EWG-Länder übergreift.

Die Krise ist ernster als 1964. Deshalb müssen die Partnerländer auch zu wirkungsvolleren Maßnahmen greifen. Statt konjunkturpolitischer "Empfehlungen", deren Seelenmassageeffekt nicht überschätzt werden darf, muß die EWG nun Wege zu einer wirklichen gemeinsamen Wirtschaftspolitik finden. Frankreichs Regierung ist dazu schon seit langem bereit. Lohn- und Einkommenspolitik, konjunktur- und währungspolitische Maßnahmen, Steuerpolitik und soziale Reformen müssen jetzt endlich so weit wie möglich aufeinander abgestimmt werden.

Die Logik hätte schon früher zu solchen Schritten gezwungen, der Übergang zur europäischen Zollunion am 1. Juli macht sie unausweichlich.

Vor wenigen Tagen erst gelang es dem Rat der Landwirtschaftsminister wider alles Erwarten, sich über eine Marktorganisation für Milch und Rindfleisch zu einigen. Auch wenn dieser Kompromiß mit den Prinzipien des Gemeinsamen Marktes kaum noch etwas zu schaffen hat, so ist doch das letzte große Hindernis auf dem Weg zur Zollunion beseitigt: Frankreich hatte gedroht, es werde die industrielle Zollunion am 1. Juli nicht beginnen lassen, wenn über seine agrarpolitischen Forderungen keine Vereinbarungen erzielt würden. Das ist nun – auch durch Konzessionen der Franzosen – geschehen. Paris zahlt einen Teil seiner Subventionen selbst.

Dieses Opfer – dazu in der gegenwärtigen Situation – zeigt, wie wichtig de Gaulle, dessen Sieg bei der kommenden Wahl in Frankreich zu erwarten ist und der damit Europa als unbequemer Partner erhalten bleiben dürfte, die Existenz der EWG ist. Das müssen die Partner nutzen.