A damo hat sich verlobt. Mit einer Japanerin. „Ici Paris“ widmet dem bemerkenswerten Ereignis die Titelseite. Wogegen „France Dimanche“ zu berichten weiß, Michèle Morgan sei von Ihrer Majestät Elizabeth II. schwer brüskiert worden. Majestät hat die Königin das nur getan?“ Das ist hier die Frage.

Derweil schreiben die Wandzeitungen in der Sorbonne Unfreundliches über Herrn Pompidou und seine Regierung. „Nieder mit der Unterdrückung!“ Fünfundzwanzig Thesen zur Rolle der Studenten in einer neuen Gesellschaft.

Die Tagespresse, die nur noch sporadisch erscheint, beschäftigt sich seitenlang mit dem Aufstand der Studenten und Arbeiter. Die Vietnam-Gespräche stehen unter den faits divers.

Der General ist auf Reisen oder in Klausur. Vor diesem Hintergrund hielt der französische Rundfunk seine Jubiläums-„Journées de Recherche“ ab. Jedenfalls den ersten Teil.

Gastgeber war die O.R.T.F., Veranstalter deren „Service de la Recherche“ – kein „Suchdienst“, wie ein Hamburger Übersetzer unlängst mutmaßte, sondern eher ein Dienst von Suchern: eine halbwegs selbständige Abteilung, die im wesentlichen Grundlagenforschung auf musikalischem, künstlerischem, soziologischem Gebiet treibt.

Der Anlaß: Vor genau zwanzig Jahren hat Pierre Schaeffer, Absolvent der Ecole Polytechnique und der Ecole des Telecommunications, Verfasser von Romanen („Les Enfants de Coeur“), Theaterstücken („Tobie“) und Essays („Amerique nous t’ignorons“), in einem Hinterzimmer im alten Funkhaus mit akustischen Readymades zu experimentieren begonnen. In der Gare des Batignolles hatte er die Geräusche von sechs Dampflokomotiven aufgenommen; versteht sich: auf Schallplatten. Das Keuchen, Schlagen, Stoßen, Fauchen und Kreischen verformte er nun, indem er die Aufnahmen mal schneller, mal langsamer abspielte, sie verhallte und filterte, einzelne Rillen schloß, Ostinati erzeugte, und, was dabei herauskam, ineinanderschnitt oder übereinanderkopierte. So entstand die „Etude aux Chemins de Fer“‚ das erste Stück konkreter Musik.

Mühselige Arbeit. Die Erfindung des Magnettonbands sollte sie vereinfachen. Aufzeichnungen ließen sich mit einemmal ebenso leicht herstellen wie hinterher manipulieren. Zünftige Musiker, des traditionellen Instrumentariums müde, wurden aufmerksam, kamen ins Studio, halfen mit, entdeckten eigenes: als erster der Messiaen-Schüler Pierre Henry. In Amerika entwickelte sich auf ähnlicher Grundlage die „Tape-Music“. In Deutschland entwarf Herbert Eimert, andersrum argumentierend, von den akustischen Elementarerscheinungen „Sinuston“ und „weißes Rauschen“ ausgehend und sie auf- beziehungsweise abbauend, elektronische Musik. Eine neue Ära hatte begonnen; Stuckenschmidt feierte sie schon 1955 als die dritte in der Geschichte der Tonkunst.