Trainer Merkels rigorose Methoden

Von Reiner Weiß

In rasendem Zick-Zack-Lauf spurtete der Mann im roten Dreß mit der Rückennummer 9 auf das leere Tor zu. Aber es war nicht Franz Brungs: Das Spiel war längst gewonnen, ein bierseliger Fan hatte dem Club-Mittelstürmer das Siegertrikot nach italienischer Manier vom Leib gerissen und feierte nun mit 60 000 Zuschauern im Nürnberger Stadion die neunte Deutsche Fußballmeisterschaft des 1. FCN auf seine Weise.

An diesem letzten Bundesliga-Samstag der Saison wurde das berühmte Nürnberger Ei zu einem schwarz-weiß gefleckten Ball. Die jubelnden Heerscharen okkupierten die Innenstadt, Tausende von Autofahrern skandierten mit den Hupen ihren Schlachtruf: EFF-CEE-ENN, EFF-CEEENN. So viel Begeisterung gab selbst den Glückwünschen von Bundesgesundheitsminister Käte Strobel einen Anflug von Neid: „Einen solchen Empfang erlebt kein Mitglied der Bundesregierung.“ In der Tat – mit der Popularität eines Deutschen Meisters im Fußball könnte das Kabinett einem fiktiven Volk von Fußball-Fans unbesorgt jede Woche Notstandsgesetze servieren. Aber der Fußball ist nun einmal unpolitisch – sympathisch unpolitisch, wie ein alter Club-Chronist sich dieser Tage erinnerte: „Die Clubfahne Weinrot rief mehr Begeisterung hervor als Braun... die heranwachsende Generation hat bei den Fußballern mehr Autogramme gesammelt als bei Generälen und Gauleitern.“

Ja, heute kann man sagen, daß nicht der Krieg oder ein anderes historisches Ereignis die beim Meisterschaftsbankett auf der Kaiserburg so häufig beschworene Tradition des Rekordmeisters gebrochen hat. Man wollte und konnte in diesem Moment nicht wahrhaben, daß die vielgepriesenen Ideale mit einem großen Plumps über Bord gegangen waren, als das Schicksal des Vereins auf des Messers Schneide stand. Damals hatten die Verantwortlichen mit der Verpflichtung Max Merkels und der damit verbundenen kompromißlosen Anpassung der Lizenzspielerabteilung an die ökonomischen Spielregeln des Profi-Fußballs alles gewagt – und alles gewonnen. Heute gehört der 1. FCN zu den wenigen glücklichen Bundsligavereinen, (s. Die ZEIT, Nr. 20), die wirtschaftlich gesund sind. Darüber hinaus konnte man mit dem Bau der Sportanlagen am Valznerweiher Vorbildliches für den Amateursport leisten. „Lohn der Angst“ – das klang noch bei der Meisterfeier aus den Worten von Club-Präsident Luther: „Wir brauchen diese Meisterschaft – sie bringt uns eine wirtschaftlich gesicherte Zukunft.“

Der Erfolg mußte bezahlt werden. Für manchen, der dem neuen „Nürnberger Ei“ beruflich nachjagt, war der Preis die bedingungslose Kapitulation vor den rigorosen Methoden Max Merkels. In der Manier eines venezianischen Kondottiere und mit der Methode eines frühkapitalistischen Leistungsprinzips führte er Nürnbergs Truppe auf dem Siegeszug durch die deutschen Fußball-Provinzen, ökonomischer Zwang zum Erfolg und der eiserne Wille des Trainers haben die Meistermannschaft zusammengeschweißt: Lauft schneller, Genossen, auf der Reservebank sitzt ein hungriger Auswechselspieler. Individualisten wie der legendäre Hans Kalb oder der Spaßmacher auf dem Spielfeld, „Schorsch“ Kennemann, die in den Mannschaften des Clubs immer zu finden waren, kann man sich in einer Merkel-Elf kaum vorstellen. Und es ist gewiß kein Zufall, daß der Trainer gerade mit dem sensiblen, intelligenten Jugoslawen Zvedan Cebinac immer wieder Querelen hatte. Auch hier manifestiert sich der neue Stil: Der Mann von Partizan Belgrad, dem Merkel häufig mangelnden physischen Einsatz bei Zweikämpfen vorwarf, repräsentiert mit seinem eleganten Flügelspiel beste Alt-Nürnberger Spielkultur.

Traditionalisten verkennen wohl die Bedeutung des Sports in unseren Tagen, wenn ihnen Merkels Erfolgsmethode nicht behagt. Und doch hat die Skepsis einen tieferen Grund: Sport, und mag er noch so geschäftsmäßig betrieben werden, wird immer unwägbaren Einflüssen unterworfen sein. Meisterschaft, Zuschauerzahlen, Leistung lassen sich nicht bis ins Letzte kalkulieren. Und so wird sich Fußball-Machiavelli Merkel schon jetzt Gedanken machen müssen, wodurch er die inhumane Formel „Zuckerbrot und Peitsche“ (so der Titel seines Buches) ersetzen will, wenn sie einmal nicht mehr stimmt.

Auch mit dem besten Trainer ist eine Mannschaft auf dem Spielfeld schließlich allein. Diesem Deutschen Meister, der 35 Wochen lang unter dem psychologischen Druck des ungeliebten Spitzenreiters die Verfolger in imponierendem Stil distanzierte, gebührt Sympathie. „Ich habe euch ja gesagt, was Nürnberg von euch im Europa-Cup erwartet“, rief Oberbürgermeister Ursclechter den Spielern zu. Was kann man erwarten gegen Real Madrid, Benfica Lissabon, Manchester United, AC Mailand oder Celtic Glasgow? Dem Club fehlt meiner Ansicht nach eine Fähigkeit, die Bayern, Dortmund und der HSV im Cup mit bestem Erfolg demonstriert haben: Auch aus einem Formtief heraus, sozusagen mit kurzem Antritt, ein großes Spiel zu liefern und bedingungslos zu fighten. Aber Merkel ist ganz der Mann, der das der Mannschaft beibringen kann. Weltklasseleute wie Rivera oder Beckenbauer können die Nürnberger nicht aufbieten – aber was heißt das schon! Sie haben ein paar Spieler, die sich überall sehen lassen können. Da ist der hünenhafte Ausputzer Nandl Wenauer, der durch seine kluge Spielübersicht wirkt. Zusammen mit dem knochenharten schnellen Ludwig Müller bildet er das Abwehrzentrum der Elf. Und die Flügelstürmer können ein Spiel entscheiden: Der robuste „englische“ Linksaußen Volkert und der Nürnberger Publikumsliebling „Zick-Zack-Cebinac“, der in Bestform jeden beliebigen Abwehrspieler aussteigen läßt. Um dieses Skelett herum wird Merkel wohl eine Mannschaft formieren, die – jedenfalls personell – stärker in die neue Doppelsaison geht als der jetzige Deutsche Meister. Wichtig dabei werden vor allem offensive Mittelfeldspieler wie Zaczyk (Karlsruher Sportclub) und Küppers (60 München) sein, die jetzt zur Clubmannschaft stoßen. Bei einem fiktiven Cup-Endspiel Nürnberg – AC Milan würde ich nicht von vornherein auf Milan setzen...