Die Blicke des deutschen Börsenpublikums blieben weiterhin auf Paris gerichtet. Die Zuspitzung der politischen Situation und die Lähmung der Wirtschaft waren nicht nur Anlaß zur Sorge, weil man hier und da einen Import der französischen Ereignisse in die Bundesrepublik befürchtete, wo der Widerstand gegen die staatliche Ordnung während der Lesung der Notstandsgesetze im Bundestag zu wachsen drohte; auch die Gefahr einer von Frankreich ausgehenden Störung des Wirtschaftsablaufs in den übrigen fünf EWG-Ländern stimmte in den Börsensälen bedenklich. Als dazu noch der französische Franc an den nervösen Devisenmärkten ins Gerede kam, rutschten die Kurse an den deutschen Aktienbörsen.

Nervöser als die Bankenkundschaft, die sich nicht zu Angstverkäufen hinreißen ließ, wohl aber eher geneigt war, Gewinne zu realisieren, war der Berufshandel, der eigentlich die Tendenz während der letzten Tage bestimmte, als die Investmentfonds nur mit größter Vorsicht am Aktienmarkt operierten und der Börse nicht mehr wie in den vorangegangenen Wochen eine sichere Stütze gaben. Doch nach dem Gegenschlag General de Gaulles am Donnerstag vor Pfingsten faßte die Börsenspekulation wieder Mut. So drückte sich die Unsicherheit der letzten Woche in einem ständigen Tendenzwechsel aus. Nicht weniger als dreimal änderte sich innerhalb der sechs Börsentage der vergangenen Woche der Trend der Kurse.

Neben der Politik war zweifellos die Bezugsrechtswelle der Banken das wichtigste Ereignis an der Börse. Über die Kapitalerhöhungen der Commerzbank, der Bayerischen Vereinsbank und der Westbank braucht man nicht viel Worte zu verlieren, weil sie von den Aktionären nicht einmal 50 Millionen Mark forderten. Doch die Deutsche Bank bat gleich mit 200 Millionen zur Kasse. Dabei zeigte sich, daß die Aktionäre keineswegs begeistert waren, den im Vergleich zu früher recht hohen Bezugskurs von 250 Prozent zu zahlen. Obwohl der Wert des Bezugsrechtes seit Bekanntgabe der Kapitalerhöhung schon einmal „abgegangen“ war, mußte die Deutsche Bank den Kurs ihrer Aktie bei Beginn des Bezugsrechtshandels nochmals kräftig zurücknehmen, um die jungen Aktien placieren zu können. Das scheint, soweit sich das bisher übersehen läßt, ganz gut gelungen zu sein, so daß der große Brocken wohl bald verdaut sein wird.

Andere Sorgen hatte dagegen die Westbank, deren junge Aktien so lebhaft gefragt wurden, daß die Notiz des Bezugsrechtes teilweise ausgesetzt werden mußte. Daß die Aktie dieser Bank ein besonders begehrtes Juwel ist, weiß man seit Jahren – oder Generationen; doch bleibt unverständlich, warum, eine Reihe von Aktionären angesichts dieses Glanzes das Rechnen verlernt hat und die jungen Aktien über Bezugsrecht zu weit höheren Kursen kaufen wollte, als man für die alten Aktien anlegen muß.

P. W.