Hintergründe der lancierten Meldung vom sowjetischen Einmarsch

Fast unbefangen präsentierte das tschechoslowakische Fernsehen ein Ereignis, das nach einem Wirbel von Alarmnachrichten und Dementis ziemlich harmlos aussah: den Einzug einer nahezu waffenlosen sowjetischen Nachrichtenabteilung, des Vorkommandos für Stabsmanöver ohne Kampftruppen, in das Städtchen Sobrance, elf Kilometer von der slowakisch-ukrainischen Grenze entfernt – und über 500 Kilometer von Prag.

In Prag demonstrierte Parteichef Dubcek fast zur gleichen Stunde, daß alles Reden von politischem oder gar militärischem Druck auf die tschechoslowakischen Reformkommunisten ohne Wirkung, wenn schon nicht ohne ernsthaften Anlaß gewesen war. Novotny und seine engsten Anhänger, die es Tage zuvor noch verstanden hatten, Nachrichten über ihre vermeintliche Kraft und ihre sowjetische Rückendeckung zu lancieren, wurden aus dem Zentralkomitee verstoßen. Novotnys Parteimitgliedschaft ruht. Prag bleibt auf seinem Reformkurs, der Sozialismus und Freiheit verbinden soll.

Wie konnte Dubcek seine Gegner ausbooten, ohne daß es zu jener dramatischen Kraftprobe kam, die manche Beobachter noch letzte Woche vorausgesagt hatten? Der Parteichef deutete es in seiner Brünner Rede am 3. Juni an: Man habe Novotny „Unaufrichtigkeit gegenüber der Partei“ nachweisen können, Verschleierung seiner Verantwortlichkeit für alle Rechtsbrüche seit 1951.

Auf die Tagesordnung der viertägigen Zentralkomiteesitzung hatte Dubcek auch einen Bericht über die Hintergründe der Flucht des Generals Sejna gesetzt, die im März die endgültige Entmachtung Novotnys bewirkt und die Prager Entwicklung so beschleunigt hatte. Der Bericht ist noch nicht veröffentlicht worden, doch am Vorabend der ZK-Sitzung wurde einiges davon durch eine Dokumentation des Prager Fernsehens enthüllt. Danach hat sich Sejna als Politchef der Armee im Januar – nach dem Sturz Novotnys als Parteichef – im Kurort Teplice mit dem damaligen Vize-Verteidigungsminister General Janko getroffen. Im Schlafanzug suchte der eine General den anderen nachts im Hotelzimmer auf. Wie Janko, der später Selbstmord beging, in einem hinterlassenen Tagebuch berichtet, versuchte ihn Sejna zehn Stunden lang zu überreden, die Armee zur Rettung Novotnys marschieren zu lassen.

Janko sträubte sich und verlangte einen direktten Befehl Novotnys, aber er verständigte auch niemanden. „Ich glaubte, daß Sejna im Interesse der Partei handelt“, vertraut er seinem Tagebuch an, als Sejna schon nach Amerika geflohen und Novotnys Intrige geplatzt war. In tiefer Depression, kurz vor seinem Tode, notierte General Janko in russischer Sprache: „Laßt mich gehen, wohin ich gehöre – in die Sowjetunion.“ Es läßt sich also leicht erraten, welcher Art die Trümpfe waren, die Dubcek vorzuweisen hatte, als am 17. Mai die sowjetische Generalität und zwei Tage später Kossygin in Prag erschienen. Andererseits gaben diese Besuche der Novotny-Gruppe und ihren Anhängern trügerischen Auftrieb, zumal sie auf die Gefahr eines angeblich wachsenden Antikommunismus hinweisen konnten. „Antikommunistische Opposition könnte aber einen bedeutenderen politischen Einfluß nur dann gewinnen, wenn das Vertrauen der Mehrheit der Bevölkerung in die neue Politik der Partei geschwächt würde“, schrieb Parteipräsidiumsmitglied Kolder am 29. Mai in einem Artikel in der Rude Pravo, der dann auch von der Moskauer Prawda nachgedruckt wurde.

Genau das war aber die Berechnung Novotnys und seiner Anhänger gewesen. Um Unruhe und Opposition und damit eine Intervention zu provozieren, hatten sie kurz nach dem Eintreffen Kossygins die Behauptung lanciert, es sei an eine dauernde Stationierung von 11 000 Sowjetsoldaten an der tschechoslowakischen Grenze gedacht. Daß derartiges in früheren Zeiten erwogen worden war, deutete der Prager Vize-Außenminister Pleskot am 22. Mai im Prager Rundfunk an, als er sagte, weder Präsident Benesch noch seine Nachfolger Gottwald und Novotny hätten je einem solchen Ansinnen zugestimmt.