In Prag ging es vorige Woche auf Hieb und Stich. Das Zentralkomitee der KPC trat am Mittwoch zu einer Plenarsitzung zusammen, um sich auf Drängen der Reformer von der „alten Garde“ um den ehemaligen Staats- und Parteichef Novotny zu befreien. 24 Stunden später überschritten Vorausabteilungen der Roten Armee die Grenze zur CSSR. In der Ostslowakei wollen sie zusammen mit polnischen und ungarischen Truppen an einer Stabsrahmenübung teilnehmen. Beklommen stellte „Svobodne Slovo“, Organ der Sozialistischen Partei, fest: „Wir wollen hoffen, daß die Manöver nichts mit der Plenarsitzung zu tun haben.“

Prag reagierte mit spürbarer Nervosität auf die Truppenbewegungen, die offenbar einen größeren Umfang angenommen haben, als ursprünglich vermutet worden war. Man erinnert sich an das Jahr 1956, als sowjetische Streitkräfte unter Vorwänden in Ungarn einmarschierten, um den Volksaufstand niederzuwerfen.

Indessen scheint der Kreml jetzt eher an einem vorläufigen Burgfrieden mit Prag zu denken, falls die Reformer nicht über das Ziel hinausschießen und dem Warschauer Pakt treu bleiben. Das Moskauer Parteiorgan „Prawda“ ließ vorige Woche das Politbüromitglied der KPC, Kolder, zu Wort kommen. Kolder bestätigte, daß Kossygin bei seinem Besuch in Prag die Verwirklichung der sozialistischen Demokratie als innere Angelegenheit der CSSR bezeichnet habe. Außerdem soll die sowjetische Parteiführung SED-Chef Ulbricht bei dessen Visite in Moskau vorige Woche auf eine Beteiligung an dem Zwei-Milliarden-Mark-Kredit für die tschechoslowakische Wirtschafts- und Sozialreform festgelegt haben, um die CSSR nicht „in die Hände der westlichen Imperialisten zu treiben“.

In dieser Lage verfuhren die Reformer auf der entscheidenden Sitzung des Zentralkomitees vorsichtig. In vier Punkten konnten sie sich durchsetzen: 1. Neben Novotny wurde sechs weiteren prominenten Altstalinisten die Parteimitgliedschaft aberkannt; drei weitere ZK-Mitglieder – unter ihnen der ehemalige Verteidigungsminister Lomsky – schieden durch Rücktritt aus. 2. Ein außerordentlicher Parteitag soll beschleunigt am 9. September ein neues Zentralkomitee wählen und damit auch die letzten Reaktionäre aus der Parteiführung eleminieren. 3. Die Vorzensur bei Zeitungen soll noch in diesem Monat gesetzlich aufgehoben werden. 4. Die Exzesse der Stalin-Novotny-Ära 1948 bis 1954 sollen von der Rehabilitisierungskommission der Partei bis Ende des Jahres aufgedeckt und „spezifiziert“ werden.

Was den künftigen Prager Reformkurs angeht, blieb das ZK freilich auf einer mittleren Linie. Es wurde beschlossen, „allen feindlichen Bestrebungen von links und rechts den Kampf anzusagen.“