Von Karoll Stein

Die Phrase vom „kulturellen Erbe“ mag in westlichen Ohren unangenehm pathetisch klingen; in der DDR jedoch ist das kulturpolitische Schlagwort Zeugnis einer intensiven Diskussion über das Verhältnis zur eigenen Vergangenheit, des Bemühens, die gegenwärtige künstlerische Entwicklung aus der Tradition zu begründen. Die Ausstellung „Deutsche realistische Bildhauerkunst im XX. Jahrhundert“, die zur Zeit in der Ostberliner Nationalgalerie gezeigt wird, ist ein Dokument einer vor allem für westliche Besucher überraschenden Kontinuität in der neueren und neuesten Kunstgeschichte.

„Realismus“ soll, laut Katalog, „als Methode und nicht als Stil einer bestimmten Epoche verstanden“ werden, und das „schöpferische Prinzip des Realismus“ wird ausdrücklich gegen einen „blutleeren Akademismus“ abgegrenzt. Die Sonderentwicklung der deutschen Plastik im 20. Jahrhundert, ihre Verbundenheit mit der Tradition wird hervorgehoben, durchaus zu Recht und im Einklang mit der historischen Wirklichkeit. Denn dieses Bild einer Entwicklung abseits der internationalen Moderne, wie es sich in den schönen seidenbespannten Räumen der Nationalgalerie präsentiert, ist nicht etwa das Ergebnis einer subjektiv akzentuierten Auswahl; die Veranstalter brauchten nicht erst einige zu Recht oder Unrecht vergessene Künstler zu bemühen, um ihre These vom Realismus der deutschen Bildhauerkunst vorzutragen. Gegenüber den radikalen Neuerern andernorts haben die deutschen Bildhauer, und gerade die Bedeutenden, Lehmbruck und Barlach, Edwin Scharff und Gerhard Marcks, eine erstaunliche Reserviertheit bewahrt. Rodin und Maillol sind in Deutschland wirksamer geworden als etwa Arp und Archipenko, obgleich doch beide in den zwanziger Jahren in Berlin lebten.

Die Auseinandersetzung mit der Tradition, der Rückgriff auf die Antike (im Anschluß an Maillol und Hildebrandt), aber auch auf das Formenreservoir der Romantik und Gotik (bei Barlach etwa an der Vorliebe für das Material Holz und am zentralen Motiv der Gewandfigur ablesbar), haben die deutschen Bildhauer entschiedener geprägt als die Experimente der europäischen Avantgarde. Die Ausstellung belegt das mit Skulpturen und Zeichnungen von rund fünfzig Künstlern, wobei es kaum eine Rolle gespielt hat, ob die Künstler heute im Osten oder Westen leben. Selbst Bernhard Heiliger, der nach dem Krieg zwei Jahre einen Lehrauftrag an der „Hochschule für bildende und angewandte Kunst“ in Berlin-Weißensee hatte, ist mit frühen gegenständlichen Arbeiten vertreten.

Die früheste Arbeit der Ausstellung ist die Figur eines „Jungen Mannes“ (1884) von Adolph von Hildebrandt, dessen kühler Klassizismus einst gegen den überladenen Schwulst des Historismus und das Anekdotische des Naturalismus stand, heute aber fast akademisch anmutet.

Lehmbruck ist ein eigener Raum gewidmet, das schönste und geschlossenste Kabinett der Ausstellung. Scharff ist sparsam, aber mit zwei ausgezeichneten Marmorplastiken vertreten, dem „Liebespaar“ von 1922 und der „Hockenden“ von 1928, Wilhelm Gerstel mit der rustikalen „Schreitenden“ von 1923. Von Gerhard Marcks sieht man neben den wohlbekannten Jünglingsgestalten das großartige „Bildnis Alfred Partikel“ (1931). Scharff, Gerstel und Marcks haben den Realismus klassischer Provenienz nicht nur in ihrem Werk gestaltet, sondern durch eine ausgedehnte Lehrtätigkeit sein Fortwirken bis in die Gegenwart gesichert.

Daß die Kontinuität dieser Entwicklung in der DDR bis heute bewahrt blieb, ist vor allem dem Wirken von Gustav Seitz, Waldemar Grzimek und Fritz Cremer zuzuschreiben, die in der Nationalgalerie entsprechend gewürdigt werden. Das ist schon an ganz äußerlichen Daten ablesbar: die besten der jungen Bildhauer in der DDR sind aus ihren Meisterklassen hervorgegangen.

Seitz, Grzimek und Cremer haben der jungen Generation die breite Tradition des deutschen Realismus vermittelt, die sie heute weiterführen, ohne in epigonale Abhängigkeit zu geraten. Der Realismus als Methode führt zu sehr unterschiedlichen Individualstilen: Da sind etwa die ausdrucksvollen Köpfe des jungen Wieland Förster oder das Relief von Werner Stötzer „Fragen eines lesenden Arbeiters“, in dem Bild und Schrift zu plastischer Einheit verschmelzen. Von jenem platten propagandistischen Optimismus ist bei den jungen Bildhauern, zumindest in dieser Auswahl, wenig zu spüren. Sie scheinen heute ihren Kollegen von der Malerei entschieden überlegen – ein Phänomen, das sich auch außerhalb der DDR beobachten läßt.