Von Wolfgang Müller-Haeseler

Die internationale Währungspolitik kommt nicht zur Ruhe. Gold, Dollar und Pfund haben durch die März-Beschlüsse des Internationalen Währungsfonds und der wichtigsten Notenbanken der westlichen Welt eine Atempause erhalten. Jetzt haben die Unruhen in Frankreich und die damit verbundene Lähmung der französischen Wirtschaft den Franc in Mißkredit gebracht. Schon spricht man offen von einer möglichen Abwertung des Franc. Zunächst hatte es so ausgesehen, als ob die Unruhen in Paris, die von den Studenten ausgingen, aber im Gegensatz zur Bundesrepublik sehr bald auch die Arbeiterschaft ergriffen, die Stabilität der französischen Währung unangetastet ließen.

Eine Woche nach dem Ausbruch, der Unruhen war das Wirtschaftsleben in Frankreich noch nicht ernsthaft gestört, obwohl streikende Arbeiter bereits die staatliche Renault-Automobilfabrik besetzt und die Produkion stillgelegt haben. Ihre Forderungen: 1000 Franc Mindestlohn und Verkürzung der Arbeitszeit auf 40 Stunden wöchentlich. Noch am Freitag, dem 17. Mai, wurden an der Frankfurter Devisenbörse 100 Franc mit 80,32 Mark notiert, also noch weit über dem unteren Interventionspunkt von 80,01 Mark, bei dem die französische Notenbank, die Banque de France, entsprechend den Regelungen des Internationalen Währungsfonds von Bretton Woods die eigene Währung zur Stützung des Kurses ankaufen muß.

Sonnabend, 18. Mai: Staatspräsident de Gaulle, der in der Nacht zum Sonnabend vorzeitig von seinem Rumänien-Besuch zurückgekommen ist, verspricht Reformen, wendet sich jedoch scharf gegen die Unruhestifter. In Marseille stellt das Postscheckamt wegen Mangel an Bargeld die Auszahlungen ein.

Sonntag, 19. Mai: Frankreich erlebt ein relativ ruhiges Wochenende ohne Zusammenstöße; es zeichnet sich jedoch noch keine Lösung des Konfliktes ab.

Montag, 20. Mai: Die Pariser Devisenbörse stellt ihre Geschäfte ein. An den ausländischen Devisenbörsen steigt die Nachfrage nach Schweizer Franken und D-Mark, erste Anzeichen für eine Kapitalflucht aus Frankreich. Die Notierung des Franc in Frankfurt hält sich auf der Höhe des Wochenschlusses, da sich die Hoffnungen auf eine Beilegung des Konflikts nach der Rückkehr de Gaulles verstärkt haben. Die Streikwelle schwillt jedoch weiter an. Erstmalig wird in Paris offen von der Gefahr eines Bürgerkrieges gesprochen. An der Pariser Börse sinken die Aktienkurse der französischen Werte allein an diesem Tag um 4 Prozent, seit Beginn der Unruhen vor einer Woche haben die französischen Aktien etwa 14 Prozent ihres Wertes verloren. Gold erreicht mit 6701 Francs je Kilo den höchsten Preis seit der Einführung des freien Goldmarktes. Nach den ersten Hamsterkäufen bilden sich vor den Banken lange Schlangen. Die Bevölkerung hebt an diesem Tag mehr als 1 Milliarde Francs ab.