Nach der Eröffnung von Studenten und Künstlern okkupiert

Von Manfred Sack

Mailand, Anfang Juni

Am letzten Sonnabendnachmittag, zwei Nächte und zwei Tage nach der fast völlig normalen Eröffnung, war auch schon das Ende der 14. Triennale in Mailand so gut wie vollzogen. Die Kommissare der Länder, die auf dieser größten internationalen Ausstellung für moderne angewandte und industrielle Kunst und für Architektur in Erscheinung getreten waren, beschlossen abzureisen und ihre Helfer nach Hause zu schicken. Für sie ist die Schau zu Ende, es gibt für sie keinen Verhandlungspartner mehr. Der Präsident der Triennale, Dino Gentiiis, ist es nicht mehr, und diejenigen, die ihn paralysiert haben, sind es auch nicht: Studenten, Designer, Architekten, Maler, Bildhauer, die seinen häßlichen monumentalen Palazzo dell’arte aus dem Jahre 1933 okkupiert haben.

Ihr Coup war glänzend vonstatten gegangen, sozusagen ganz ungewollt. Sie waren knapp hundert und hatten eigentlich nur protestieren wollen. Sie standen auf der Straße, blockierten den Verkehr in der Abendstunde gegen achtzehn Uhr am vorigen Donnerstag, provozierten ein Hupkonzert von italienischer Itensität und den Auftritt der malerisch-prächtig gewandeten Polizei. Sie riefen im Chor „Pa-ri-gi, Pa-ri-gi“, aber wer fürchtete, irgend etwas ginge jetzt in Flammen auf, irrte sich; das Folgende trug sich mit einer beinahe teutonischen Ordentlichkeit zu.

Ein bißchen Blut floß, ein paar Beulen wölbten sich, eine Scheibe ging kaputt, die Pfeiler des Kunstpalastes wurden mit Latexfarbe beschrieben – das war alles. Die Eröffnungsgäste nahmen die Aufsässigkeit als eine normale Begleiterscheinung hin. Sie wandelten knapp anderthalb Stunden durch die Ausstellungen. Während sie sich mit den Interpretationen des Themas – „Die große Zahl“ – abgaben, war die kleine Zahl der Protestanten schon aktiver geworden.

Sie waren – mit Erlaubnis, wie sie stets betonten – in das Gebäude eingedrungen und machten ein Sit-in. Aus Proklamationen und Diskussionen wurde allmählich klar, worum es ihnen ging: Es war Protest gegen die Kulturpolitik in Mailand („alle drei Jahre eine teure Triennale, dazwischen geschieht rein gar nichts!“), gegen die Unbeweglichkeit des Kultur veranstaltenden Apparates, gegen die Unlust zu demokratischen Diskussionen, gegen den bequemen Trend der Verwalter, Kunst und dergleichen vor allem um der Show und der Repräsentation willen zu präsentieren, schließlich gegen die Industrie, die zuerst ans Geld denke, anstatt zuerst an den Menschen.