Von Ernst Nebhut

Mit den Meisterschaftsspielen gehen monatelange Aufregungen zu Ende. Es folgt, so sollte man meinen, die große Besinnung. Immerhin ist auch Anlaß, Bilanz zu ziehen. Für die Vereine, ihre Leiter und ihre Mitglieder. Was ist erreicht, und was ist versäumt worden? Wie sieht die Zukunft aus? Das sind die Fragen, die sich aufdrängen, bedrückend ernste Fragen. Mehr und mehr ist ja an Beispielen klargeworden, was ein Ausscheiden aus der Bundesliga bedeutet. Ein Unglück, das gewöhnlich nur durch ein Wunder wiedergutzumachen ist.

Es gibt noch eine Frage, die gerade nach der letzten Spielserie auftaucht. Sie geht die Zuschauer an. Und geht den maßgebenden Herren in den Vereinen mit Recht im Kopf herum. Die Zuschauer beginnen ihnen unheimlich zu werden. Das klingt übertrieben, grenzt aber an Wahrheit. Was indessen macht den Offiziellen Sorge? Nicht nur, daß die Zuschauer launenhafter geworden sind. Vielmehr die Einsicht, daß sie auf ihre Art das Schicksal des Vereins bestimmen. Sie sorgen für sein finanzielles Wohlergehen. Für die Zahlungsfähigkeit der achtzehn Großunternehmen, die im DFB zusammengeschlossen sind. Wer von ihnen arm ist, muß sterben, das heißt absteigen. Kein Wunder, daß es heute schon ein Liebeswerben um die Zuschauer gibt. Es kann einmal die Form eines Existenzkampfes annehmen. Welche Aussichten, fern vom Kinderglauben der Idealisten im Sport!

Es hat sich manches rund um das Spielfeld geändert. Darüber sind sich betuliche Vereinsväter und engagierte Manager klar. Sind die Zuschauer nun besser oder schlechter geworden? Das steht bei den Verantwortlichen nicht zur Debatte. Es geht bei ihnen um nüchterne geschäftliche Kalkulationen. Sie studieren die Zuschauer wie Kunden, auf die sie angewiesen sind.

Woher kommt der Wandel unter den Sportplatzbesuchern, der gerade in den vergangenen Monaten so deutlich geworden ist? Sie sehen sich anders als früher, das ist ein Hauptgrund dafür. Sie wollen, damit ist es wohl am besten gesagt, ganz einfach unterhalten sein. Nicht viel anders als in einem Varieté oder gar einem Zirkus. Gewiß nicht alle! Manche treibt immer noch die alte gute Vereinstreue auf den Sportplatz. Sie gehen aus Anhänglichkeit dorthin, weil ihnen sonst etwas fehlen würde. Sie sind dankbaren Gemüts. Die meisten kommen mit hochgespannten Erwartungen auf den Platz. Mit Illusionen auf Grund einer falschen Einschätzung der Chancen ihrer Elf. Für sie stürzen Berge ein, wenn es beim Spiel nicht nach ihren Wünschen läuft. Sie fühlen sich dann durchaus berechtigt, ihrem Ärger Luft zu machen. Durch wackeres Pfeifen. Gegen ihre Mannschaft natürlich. Solche Konzerte des Ärgers sind schon fast zu einer lieben Gewohnheit auf unseren Fußballplätzen geworden.

Sehen wir einmal davon ab, daß die Eintrittspreise höher geworden sind! Wiewohl auch das die Zuschauer anspruchsvoller gemacht hat. Darüber hinaus ist ihre Einstellung zu den Spielern anders geworden. Nicht nur der Herr in der Tribünenloge mit der verschwenderisch aufgemachten Dame an der Seite sieht in ihnen Artisten, die ihrem Publikum etwas bieten müssen. Womöglich gar eine Art von Automaten. Und von denen kann man erwarten, daß sie funktionieren.

Solche Auffassungen tragen natürlich zur Entseelung im Sport bei. Meldungen über Ablösungssummen und Gagen der Stars mögen auch daran schuld sein, daß man von den Spielern Wunderdinge fordert. Sie sind teilweise übertrieben. Aber man ist bereit, daran zu glauben, daß man märchenhaft bezahlte Akteure vor sich hat. Auch der kleine Mann auf dem Stehplatz berauscht sich gern daran. Um in dem nächsten Moment loszupoltern: Wofür werden diese Herrschaften eigentlich bezahlt?