Nach dem rasanten Kursanstieg der deutschen Aktien in den letzten Monaten mag sich mancher Anleger heute fragen, wie weit die einzelnen Papiere von ihrem Höchststand in der Nachkriegszeit noch entfernt sind. Die Schwierigkeit, die bei einem Vergleich der Wertentwicklung der Aktien über einen längeren Zeitraum entsteht, liegt nun darin, daß die heutigen Kurse der Aktien nicht ohne weiteres mit ihren Notierungen vor fünf oder gar zehn Jahren vergleichbar sind. Denn die zwischenzeitlich eingetretenen Kapitalerhöhungen bei den Gesellschaften und die daraus folgenden Bezugsrechtabschläge an den Aktienkursen gestatten vielfach keine direkte Vergleichbarkeit. Die Kontinuität der Kursentwicklung ist ebenfalls unterbrochen durch die Ausgabe von Berichtigungsaktien („Gratisaktien“), die Gewährung sogenannter Stock-Dividenden oder auch durch die Änderung der notierten Nennwerte, wie dies beispielsweise bei den Aktien der drei Farbennachfolger und den Großbankwerten der Fall war. Erst die Bereinigung der früheren Kurse um die Bezugsrechtabschläge, Gratisaktienausgabe und Notierungsänderung ergibt ein vergleichbares Bild des Kursverlaufes und der tatsächlichen Wertentwicklung einer Aktienanlage. Unsere Berechnungen stützen sich auf solche bereinigten Kurse.

Zur Gesamtbeurteilung des Aktienmarktes dient als Maßstab ein Aktienkurs-Index. Ein guter Aktienindex repräsentiert gewissermaßen die „durchschnittliche“ Aktie des betreffenden Marktes. Gemessen an dem von dem Kölner Bankhaus I. D. Herstatt börsentäglich errechneten Aktienindex lag der Kurswert der deutschen Aktien Ende Mai 1968 nur um knapp 14 Prozent über dem Stand von Ende 1959. Der absolute Höchststand, der für die deutsche Börse überhaupt je notiert wurde, war am 5. September 1960. Der Herstatt-Index (Ende 1959 = 100) erreichte an diesem Tage einen Stand von 153,31. Seit dem September 1960 nahmen die Aktienkurse einen steilen Abstieg bis zur Kubakrise im Oktober 1962, als ein Indexstand von 76,04 zu verzeichnen war, der nochmals am 18. Januar 1967 mit 68,96 unterschritten wurde. Insgesamt betrug der Kursverfall vom Höchststand im Jahre 1960 bis zum Tiefstpunkt im Januar 1967 rund 55 Prozent. Diese Abwärtsentwicklung war praktisch nur durch eine geringe Erholung in 1963/64 unterbrochen worden. Vom Tiefstpunkt her gesehen setzte dann allerdings im Januar 1967 zunächst zögernd, ab Mitte des Jahres 1967 aber in hausseartiger Entwicklung eine Kurssteigerung ein, die bis Ende 1967 einen Kursgewinn von 56 Prozent erbrachte.

Dieser Kursanstieg täuscht allerdings über die wahre Wertentwicklung der Aktien, da er „von unten“ (vom Tiefstpunkt) her errechnet wurde. Auf den Höchststand von September 1960 bezogen wurde tatsächlich nur ungefähr die Hälfte des Verlustes, den eine durchschnittliche deutsche Aktienanlage in den vergangenen sieben Jahren erlitten hat, wettgemacht. Es fehlen genau gesagt noch 35,8 Prozent, bis die Traumkurse von 1960 im Durchschnitt des deutschen Marktes wieder erreicht werden.

So interessant solche statistischen Beobachtungen über die Kursentwicklung der deutschen Aktien sein mögen, so wenig sind sie als Orientierungsmaßstab für den Kapitalanleger geeignet. Denn weder ist das Zurückbleiben einer Aktie hinter ihren Höchstkursen von 1960 ein Grund, diese Aktie heute zu kaufen, noch ist das Überschreiten der Höchstmarke von 1960 ein Anlaß, dieses Papier für besonders gefährdet zu halten und es eventuell abzustoßen. Der statistische Vergangenheitsvergleich vermag lediglich Anhaltspunkte dafür zu liefern, welche Wertentwicklung die Aktienanlage in der Vergangenheit hatte; die Faktoren, die für die künftigen Kurschancen maßgeblich sind, liegen auf anderer Ebene. Die wichtigsten sind: Die künftigen Gewinnaussichten der Gesellschaft, die Angebots- und Nachfrageverhältnisse nach Kapitalanlage in Aktien und eventuell gewisse Wandlungen in der Philosophie von Vermögensanlagen. Diese drei Hauptfaktoren sollen im folgenden näher beleuchtet werden.

Mitte des vergangenen Jahres war die Ausgangssituation der Wirtschaft und der Börse für einen Kursanstieg der Aktien sehr günstig. Es wurden Prognosen gestellt, daß die Kurse vom damaligen Ausgangspunkt her um 15 bis 30 Prozent steigen könnten. Voraussetzungen waren damals: Ein Anstieg der Gewinne in 1968 um 6 Prozent und eine Erhöhung des Gewinnmultiplikators von 11,5 auf etwa 13. In der Tat ist aber in den vergangenen zwölf Monaten folgendes klar geworden: die Gewinne in 1968 werden um etwa 10 Prozent für die Gesamtwirtschaft steigen, der Gewinnmultiplikator erhöht sich nicht nur auf das dreizehnfache der Gewinne je Aktie, sondern die Bewertung liegt heute etwa beim sechzehnfachen der vorausgeschätzten Gewinne für 1968. Der Kursanstieg der vergangenen elf Monate übertrifft also das Maß der realistischerweise zu erwartenden Gewinne für 1968. Eine Erscheinung, die sehr gut an der höheren Bewertung der deutschen Aktien abzulesen ist.

Diese höhere Bewertung der deutschen Aktien ist aber noch weit entfernt von einer Überbewertung, wie sie im Jahre 1960 ex post betrachtet zu registrieren waren. Denn die Bewertung der Gewinne in der Gegenwart wird umso höher sein, je günstiger die nachhaltige Entwicklung der Unternehmenserträge beurteilt wird. In diesem Punkt ist man als Analytiker geneigt, die derzeitige Ausgangsposition der Wirtschaftslage zumindest für die nächsten drei Jahre zuversichtlich zu beurteilen. Nach Abwägung der verschiedenartigsten Einflußfaktoren könnte man sogar riskieren zu sagen: Zum erstenmal seit 1958/59 ist ein Optimismus auch hinsichtlich der längerfristigen Entwicklung der Kapitalanlagen in Aktien berechtigt.

Konkret gesprochen und auf die Börse übertragen bedeutet dies, die Kapitalanlage in Aktien bietet auch in den nächsten Jahren noch reelle Chancen für eine günstige Entwicklung. Allerdings ist die Einschränkung am Platz, daß das Tempo des bisherigen Kursanstiegs in den nächsten Monaten wohl kaum anhalten wird. Der Anstieg wird sich im Trend langsamer vollziehen. Rückschläge geringeren Ausmaßes sind nicht ausgeschlossen, ja sogar wahrscheinlich. Solche Rückschläge werden aber in der näheren Zukunft nicht sehr lange anhalten, da sie von den auf der „Warteliste“ stehenden Anlegergruppen abgefangen werden.