Die Anzahl derer, die Ruhe und Gemächlichkeit lieben und ungern rasche Schritte tun, ist unendlich größer, als die der unruhigen Köpfe, voll rastloser Tätigkeit.

Adolph von Knigge

Theaterdonner

Die Ostberliner Theaterlandschaft scheint im Moment ein fruchtbares Gefilde für ost-westliche Gerüchte und Spekulationen. Terminänderungen in letzter Minute gehören beim Berliner Ensemble zwar zur Premiere dazu, aber die Premiere der Brechtschen „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“ wurde selbst für dortige Verhältnisse zu oft an- und wieder abgesagt, als daß man noch an die Erkrankung der Hauptdarstellerin Hanne Hiob glauben mochte. Gerüchte, daß Regisseur Wekwerth sich mit der Prinzipalin und Dichter-Witwe Helene Weigel zerstritten habe, kamen auf, und es wurde davon gesprochen, daß Wekwerth gekündigt habe. Vom Ensemble hingegen wurde diese Version jetzt wieder mit Nachdruck zurückgewiesen und versichert, Wekwerth befinde sich lediglich zur Kur in Marienbad und werde beim Ensemble bleiben. Sein Mit-Regisseur Joachim Tenschert soll die Regiearbeit zu Ende führen, damit nun endlich am 14. oder 15. Juni doch Premiere sein kann. Tatsächlich gekündigt, und zwar rückwirkend ab 1. April, jedoch hat Benno Besson dem Deutschen Theater, das damit seinen unumstrittenen Star-Regisseur verloren hat. Über seine weiteren Pläne schweigt Besson sich zur Zeit noch aus, aber auch in diesem Fall sieht es so aus, als ob die Gerüchte (denen zufolge Besson entweder zum Brecht-Ensemble zurückkehren oder der DDR gleich ganz den Rücken kehren wolle) Gerüchte bleiben.

Kees van Dongen

Er war der letzte aus dem Kreis der Fauves und eine der seltsamsten Gestalten in der Malerei des 20. Jahrhunderts. 1897, mit zwanzig Jahren, machte er von Rotterdam einen Ausflug nach Paris, für drei Tage, blieb auf Montmartre hängen, arbeitete als Lastträger, Schaukämpfer, Zeitungsverkäufer, wurde Picassos Nachbar im „Bateau lavoir“ und malte zwischen 1904 und 1910 Bilder, die zu den großen Leistungen des Fauvismus zählen. In den zwanziger Jahren war er der gesuchteste und höchst bezahlte Maler der Pariser Gesellschaft, kreierte in seinen Damenporträts den Idealtyp der Epoche, den mondänen Vamp, fahles Gesicht unter fauvistischer Schminke, mit verschleiertem Blick und grellrotem Mund. Auch die große Retrospektive, die Paris dem Maler im vergangenen Jahr zu seinem 90. Geburtstag widmete, hat das Rätsel nicht gelöst, wie es möglich ist, daß ein Maler nicht nur unter sein Niveau sinken, sondern auch künstlerischen Selbstmord begehen kann. In Monte Carlo ist Kees van Dongen in der vorigen Woche gestorben.

High fidelity