Von F. W. Tesch

Erstaunlich sind die Orientierungsleistungen der Brieftauben, die von einem unbekannten Aussetzungsort mehrere hundert Kilometer an ihren Heimatort zurückzufinden vermögen. Nicht weniger orientierungsbegabt sind viele Zugvögel, die ihren Weg über Kontinente hinweg bis ins Brut- und Nahrungsrevier zurückfinden. Zu erklären sind solche Leistungen als Sonnen-, Stern-, Wind- und sogar als elektromagnetische Richtungsorientierung. Selbst eine Standortbestimmung nach astronomischen Orientierungspunkten und der „inneren Uhr“ erscheint möglich.

Rätselhafter ist die Orientierung der Fische über weite Strecken. Wie Lachse ihre Heimatbäche wiederfinden, ist teilweise geklärt. Bei seiner flußaufwärtsgerichteten Wanderung riecht der Lachs den richtigen Bach, und in großen Seen oder im Meer scheint er sich optisch nach der Sonne zu richten.

Wir haben jetzt in Untersuchungen an der Biologischen Anstalt Helgoland ermittelt, daß auch Aale über große Entfernungen in der Nordsee zurückfinden können, wenn man sie von ihrem Heimatort wegtransportiert hat. Diese Orientierungsleistungen erstrecken sich über siebzig Kilometer und mehr. Die Aale fanden zum Beispiel zu ihrem ersten Fangplatz zurück, nachdem sie bei Feuerschiff Elbe 1 gefangen und nach Helgoland und Cuxhaven transportiert worden waren. Sie kehrten zum Felswatt der Insel Helgoland zurück, nachdem wir sie von dort nach Cuxhaven oder zur Insel Föhr verfrachtet hatten. Selbst einige Aale aus dem Süßwasser des Hamburger Hafens wurden dort wiedergefunden, nachdem man sie nach Helgoland gebracht und dort ausgesetzt hatte.

Aale, die an ihrem ersten Fangort ausgesetzt wurden, gerieten zum zweitenmal stets wieder an der gleichen Stelle in das Netz, was auf ihre Standorttreue hinweist. Auch diese Eigenschaft des Aals ist erst in jüngster Zeit erkannt worden.

Wie ein verhältnismäßig langsam schwimmender Fisch aus unbekannter Gegend zum Heimatort zurückfindet, ist ein noch ungelöstes Problem. Leistungsfähige Zugvögel fliegen auf die Dauer fast 100 Kilometer in der Stunde. Vom Lachs sind Schwimmgeschwindigkeiten von maximal 30 km/h bekannt, und auf der Wanderung leistet er sicher 10 km pro Stunde. Der Aal schwimmt aber höchstens 10 km pro Stunde, und das auch nur für die Dauer von einigen Sekunden. Seine Wanderungsgeschwindigkeit beträgt bestenfalls zwei Kilometer in der Stunde.

Nun legten aber bei unseren Experimenten einzelne Tiere den 55 bis 75 km langen Weg in ein bis zwei Tagen zurück. Sie konnten daher kaum große Umwege gemacht, also ihren Weg nicht umherschwimmend gesucht haben, wie das bei Vögeln oder schnell schwimmenden Fischen möglich weil weniger zeitraubend wäre.