Von Jürgen Werner

Im Mai 1947 spielten wir zum erstenmal auf dem Platz am Rothenbaum zusammen in Jahre Mannschaft. Wir waren damals 11 und 12 Jahre alt. Ehrfurchtsvoll betraten wir den Rasen, der sonst nur den Stars jener Jahre als Bühne diente. Es hatte am Morgen geregnet, und der Platzwart wollte sein Veto gegen ein Spiel einlegen, Die nach seiner Meinung ein Sakrileg bedeutete: Die grüne Bühne sollte allein den Großen vorbehalten bleiben. Hätte er prophetische Gaben besessen, dann hätten ihn die Worte des kleinen, aber stämmigen blonden Spielers aufhorchen lassen müssen: „Meine Tore sind doch auch nicht schlechter, oder?“

Diese rhetorische Frage könnte als Leitsatz über einer Fußballkarriere stehen, die, reduziert man ihren Verlauf allein auf statistische Fakten, immer wieder in diese beiden Worte kulminiert: Meine Tore...

Im Mai 1963 spielten wir das letztemal gemeinsam in einer Mannschaft. Es war gegen Brasilien. Dazwischen lagen 16 Jahre gemeinsamer herrlicher Stunden, mancher Mißverständnisse und sporadischer Kontroversen. Inzwischen war aus dem kleinen, stämmigen blonden Schüler ein selbstbewußter junger Mann geworden, ein Weltstar des Fußballs, dessen Name identisch war mit dem Sport, den er trieb, seinem Sport.

Wiederum im Mai, 1968, gab nun dieses Idol der Jugend seinen Rücktritt aus beruflichen und gesundheitlichen Gründen bekannt. Er wird registriert von einer Gesellschaft, deren Verhältnis zum Sport gekennzeichnet wird durch eine maßlose Überbewertung und grotesk verzerrte Heroisierung seiner Akteure – aber auch durch eine merkwürdige Indifferenz gegenüber allgemeinen Problemen.

Die Anteilnahme am Entschluß Uwe Seelers war allgemein. Eine Flut von Kommentaren und Blitzbiographien ergoß sich über die Leser. Kaum ein sportliches Ereignis wurde heftiger diskutiert als diese Ankündigung. Der Rücktritt aus der Nationalmannschaft – denn nur darum handelt es sich – bedeutet in der Tat eine Zäsur für den deutschen Fußball, vergleichbar etwa dem Ausscheiden Fritz Walters 1958 oder dem Rücktritt Sepp Herbergers 1965. Diese Parallelen bieten sich an, da auch diese Männer einmal den Stil der Nationalmannschaft geprägt haben.

So ist es nicht vermessen, von dem Ende der Seeler-Ära im deutschen Fußball zu sprechen. Sie war mit anderen Attributen versehen als die Fritz Walters: Dieser war ein Ästhet des Fußballs, ein Dirigent seiner Mannschaft, der stets im Hintergrund agierte; den Regisseur des deutschen Spiels nannten ihn die Fachjournalisten. Uwe dagegen schien einem Kriegstagebuch entsprungen zu sein: Für ihn galten Metaphern wie Tank, Bomber und Torjäger, seine Torschüsse waren Granaten, seine Kopfbälle Torpedos, seine Spielweise explosiv.