Von Marcel Reich-Ranicki

Er wird oft zusammen mit einigen Schriftstellern genannt, die wie er ihre große Zeit im ersten Drittel unseres Jahrhunderts hatten, die auch vor allem für die Presse schrieben und Meister der deutschen Sprache waren und die ebenfalls im Dritten Reich beschimpft und bekämpft wurden: Man sieht Alfred Polgar gern in der unmittelbaren Nachbarschaft von Kurt Tucholsky, Karl Kraus und Alfred Kern

Tatsächlich ist das gerechtfertigt; und auf jeden Fall haben wir es mit einer erlesenen Gesellschaft zu tun. Nur daß derartige Parallelen neben vielen Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten zugleich die Unterschiede deutlich machen – so unzweifelhaft die Nähe, so aufschlußreich andererseits der Abstand. Dabei geht es nicht um das Format, sondern um die Mentalität, nicht um die Skala des Talents, sondern um seine Eigenart.

Indes erweist es sich als schwierig, Polgars Kunst zu charakterisieren. Sie ist gewiß nichtweniger profiliert als jene seiner gestern wie heute berühmteren Kollegen. Aber die Reize und Vorzüge seiner Prosa sind in der Regel so still und unauffällig, daß sie sich kaum darstellen lassen und häufig der Analyse spotten: Im Grunde müßte man wie Polgar schreiben können, um zu zeigen, wie er schreiben konnte.

Tucholsky, Kraus und Kerr waren hochdramatische Figuren des literarischen Lebens und der Zeitgeschichte schlechthin. In Polgars Porträt wird man Dramatisches vergebens suchen. Sie standen im Mittelpunkt, er hatte seinen Platz am Rand. Sie gehörten zu den Streitern und Kämpfern und – früher oder später – zu den Scheiternden. Polgars Element hingegen war die Beobachtung, das Kontemplative.

Bei Tucholsky, Kraus und Kerr fallen zunächst das außerordentliche literarische Temperament und die polemische Leidenschaft auf, bei ihm eher die Zurückhaltung und die künstlerische Ausgeglichenheit: Und so begreiflich ihre innere Unrast, so verblüffend seine Gelassenheit.

Sie waren bei allen individuellen und sehr erheblichen Unterschieden radikale und extreme Schriftsteller. Er mißtraute jeglichem Radikalismus, und fast immer war ihm das Extreme zumindest verdächtig. Sie fungierten als Ankläger, Verteidiger und Richter. Auch er hat nicht selten angeklagt, verteidigt und Urteile gefällt; doch hielt er es für seine wichtigste Aufgabe, Zeuge zu sein. Tucholsky und Kraus, ja auch Kerr wollten die Welt verändern. Polgar wollte sie nur beschreiben.