Von Edward Kennedy

Kurz vor dem Mord in Los Angeles hat Senator Edward Kennedy, der letzte der vier Brüder Kennedy, seine Gedanken über die Gewalttätigkeit in der amerikanischen Gesellschaft schriftlich formuliert. Den Anlaß dazu gab ihm die Ermordung von Martin Luther King. Seine Worte – Auszüge aus dem im Herbst erscheinenden Buch „Decisions of a Decade“ – haben nach den Schüssen von Los Angeles neue Eindringlichkeit gewonnen. Am 4. April 1968 wurden die Amerikaner Zeugen eines sinnlosen Aktes, der einen amerikanischen Bürger historischen Formats das Leben kostete. Pastor Martin Luther King, der geachtete Führer von über 20 Millionen Amerikanern, wurde das Opfer von Gewalttätigkeit und Haß.

Dahinter verbirgt sich nicht nur die Gewalttätigkeit eines Geisteskranken, nicht nur die vom Rassenproblem aufgewühlte Leidenschaft. Es ist die Gewalttätigkeit des einzelnen gegen die Gesellschaft, von Gruppe wider Gruppe, die sich darin spiegelt. In den letzten Jahren haben wir miterlebt, wie acht Krankenschwestern kaltblütig abgeschlachtet wurden. Wir haben erlebt, wie ein Wahnsinniger auf einen Turm kletterte und vier Menschen niederschoß. Wir haben gesehen, wie Tausende über eine Gruppe von Neger-Demonstranten herfielen, deren einziges Vergehen es war, daß sie durch einen „weißen“ Stadtteil zogen. Wir haben Aufruhr und Plünderungen in unseren Städten erlebt, manch langes heißes Frühjahr vor langen heißen Sommern.

Hinter allem, was diese Zwischenfälle an Gefühlen auslösen, lauert die Furcht: daß unsere Gemeinschaft womöglich auseinanderbricht; daß sich unser Land in verschiedene Völker aufspaltet, die einander nicht mehr kennen – in verschiedene Gesellschaften der Reichen und der Armen, der Schwarzen und der Weißen, der Alten und der Jungen; Gesellschaften, in denen die Weißen die Arbeitsplätze haben und die Neger die Arbeitslosigkeit, der Mittelstand in den Vorstädten lebt und die Armen im Getto, in denen jeder den anderen mit wachsendem Mißtrauen beobachtet, der saturierte Teil Amerikas die Gewalttätigkeit als unvermeidlich hinnimmt und sich darauf beschränkt, die Türen zu verriegeln, mehr Polizisten einzustellen und die Zentren der Gewaltsamkeit so weit wie möglich zu meiden.

Wie weit entfernt ist dies alles von den amerikanischen Hoffnungen und Idealen! Die Tendenz zur Brutalität läuft allen unseren Zielen zuwider. Die schönsten Wohnhäuser, die modernsten Gebäude und die besten Schulen werden uns nicht zu jener Nation verhelfen, die wir eigentlich sein wollen, wenn die Menschen unseres Volkes es nicht lernen, einander zu verstehen und in Frieden miteinander zu leben.

Der schwierigste Weg ist der einzige, der zum Ziele führt: Das weiße Amerika muß begreifen, daß dem Leben der Minderheiten in den Vereinigten Staaten eine fundamentale Ungerechtigkeit anhaftet. Die schwierigste Aufgabe ist zugleich die dringlichste: Eine gewaltige und sofortige Anstrengung tut not, um die Lebensumstände jener Männer und Frauen von Grund auf zu verändern, denen die volle Teilnahme am amerikanischen System noch immer versagt ist. Nach den Unruhen des letzten Jahres hat die Kerner-Kommission dieses Problem analysiert und eine Reihe von notwendigen Empfehlungen unterbreitet. Es fehlt uns jetzt nur der Wille – der Wille zur Einsicht, daß die größte Bedrohung nicht im Wandel liegt, sondern vielmehr im Widerstand gegen den Wandel.