Von Ernst Weisenfeld

Paris, im Juni

Der Wahlkampf, der mit einem Fernsehdialog de Gaulles begann, wird kurz und heftig sein. Der General teilt die Franzosen in „die guten“ und „die schlechten“ – auf der einen Seite das Lager „des kommunistischen Totalitarismus und der Gruppen und Grüppchen, mit denen er sich schminkt“, auf der anderen die Gaullisten, einschließlich der Gruppen und Grüppchen, die er zu seiner Verstärkung heranziehen kann. Seit der Rückkehr von Georges Bidault aus dem Exil und seit der Teilnahme von Tixier-Vignancourt an gaullistischen Demonstrationen weiß man, daß auch die Verstärkung durch die äußerste Rechte nicht verschmäht wird.

Im übrigen hat de Gaulle die Wahlkampagne des Regierungslagers unter zwei Schlagworte gestellt: Reform und Antikommunismus. Zum Thema Reform wird eine Gesellschaftsphilosophie entwickelt, zu der André Malraux das Kernstück, geliefert hat: das Aufbegehren gegen die dämonische Rolle der Maschine in der Industriegesellschaft. In großen Umrissen wird ein System der Assoziierung von Kapital, Management und Arbeit angeboten. Die Gefahr des totalitären Kommunismus, dem es in den Arm zu fallen gelte, damit er nicht den Staat „an sich reißt“, wird mit einer sehr vereinfachenden Beschreibung der letzten Ereignisse an die Wand gemalt und dann emotional aufgeladen. Goethes „Erlkönig“ mußte herhalten, um die Versuchung zu schildern, von denen sich das französische Volk in den letzten Wochen an den Rand des Abgrundes ziehen ließ. Zum Glück besann sich das Volk dann in letzter Minute doch noch auf seinen Schutzengel de Gaulle. Er hat, so gab er zu erkennen, mehrfach in seinem politischen Leben, seit er „mit der Geschichte zu tun hatte“, der Versuchung widerstehen müssen, die Dinge einfach an den Nagel zu hängen – zuletzt am 29. Mai, auf dem Tiefpunkt der Krise, zuvor im Dezember 1965, als die Franzosen ihm bei der Präsidentenwahl die absolute Mehrheit verweigerten und ihn darob „fast die Trauer hinweggetragen hat“.

Das sind für die Gaullisten brauchbare Wahlparolen, denn große Teile der Bevölkerung stehen nochunter dem Eindruck der chaotischen Maiwochen; da bleibt die Angst ihr wichtigster Ratgeber. Schwieriger verhält es sich mit dem revolutionären Charakter, den de Gaulle seiner Wirtschafts- und Universitätsreform geben will. Die Absichten des General wecken Fragen und Widerspruch.

Die Gewerkschaften sprechen von „leeren Formeln“; sie finden zu wenig für sich selbst in jenen Überlegungen, die der Neuordnung im Leben der Betriebe gelten. Auf die Vorschläge der Linksgaullisten, die schon lange auf eine innerbetriebliche Assoziierung von Kapital, Management und Arbeit hinauslaufen, haben sie immer schon negativ geantwortet. Aber die eigentliche Diskussion dürfte erst nach den Wahlen beginnen. Dann muß sich zeigen, wie Sätze wie die folgenden die Franzosen beunruhigen oder bewegen können: „Jeder der drei Kräfte (Kapital, Management und Arbeit) muß kraft Gesetzes ein Teil dessen zugesprochen werden, was das Unternehmen gewinnt und was es investiert. Das bedeutet auch, daß alle ausreichend über den Gang des Unternehmens informiert werden und daß sie ihre Interessen, ihre Gesichtspunkte und ihre Vorschläge geltend machen können durch Vertreter, die sie alle frei gewählt haben und durch die sie an der Gesellschaft und ihren Gremien ( Conseils ) teilnehmen.“ Nicht nur um Gewinnbeteiligung geht es also.

Die politische Mitte wird zu dieser Diskussion manchen nützlichen Beitrag leisten können – vorausgesetzt, daß der Wähler sie ausreichend stark ins Parlament schickt. In ihrem Lager beginnt Jacques Duhamel, der Fraktionschef der politischen Mitte im Parlament, den früheren Präsidentschaftskandidaten Jean Lecanuet in den Schatten zu stellen. Auf der Linken bleibt François Mitterrand recht umstritten; schon meldet sich wieder Gaston Defferre, der sozialistische Bürgermeister von Marseille, mit seinen Ideen vom „dritten Weg“ zwischen rechts und links zu Wort. Die Kommunisten haben sofort scharf reagiert. Wenn die „Föderation der demokratischen sozialistischen Linken“ im Wahlkampf Federn lassen muß, dann wird der alte Streit zwischen Gaston Defferre und Guy Mollet wieder aufleben, ob sich die Sozialisten nach links oder lieber zur Mitte hin orientieren sollen.