Von Karl Heinz Wocker

London im Juni

Es war beste Detektivarbeit gewesen. Ein paar hunderttausend kanadische Paßanträge hatten durchgekämmt werden müssen, ehe sich eine Ähnlichkeit mit dem Gesuchten zeigte: James Earl Ray, aus dem Zuchthaus in Missouri entsprungen und des Mordes an Martin Luther King verdächtig, war – das stand fest – unter dem Paßnamen Ramon George Sneyd unterwegs. Nach einigen Wochen Aufenthalt in Toronto, wo er vier Tage nach dem Tod des Negerführers eingetroffen war, hatte dieser Sneyd einen Flug nach London gebucht. Hier kam er am 5. Mai an, reiste aber sofort nach Lissabon weiter, wo er sich einen zweiten kanadischen Paß besorgte, ausgestellt auf Eric Starvo Galt – ein Name, den Ian Fleming erfunden haben könnte. Zehn Tage später kam er zum zweitenmal nach London und verkroch sich in einem Hotel nahe dem BEA-Stadtterminal im Westend. Er schützte Krankheit vor, blieb viel auf dem Zimmer und las Berge von Zeitungen. Mr. Galt in Lissabon hatte in Nachtklubs recht aufwendig gelebt. Mr. Sneyd in London dagegen wusch sogar seine Hemden selbst.

Der FBI, die Royal Canadian Mounted Police und Scotland Yard wußten, daß er sich in England aufhielt. Detective Chief Superintendent Butler, der Mann, der seine Pensionierung hinausschob, um den Postzugräuber Charles Wilson aus Kanada herauszuholen, witterte noch eine letzte Trophäe für seine berühmte Sammlung: den Mörder Martin Luther Kings.

Aber am Donnerstag letzter Woche verlor sich die Spur; Sneyd hatte inzwischen sein Hotel gewechselt und war dann verschwunden. Butler gab Anweisung, Flugzeuge und Fährschiffe zu bewachen. Seine Beamten standen mit gleichsam landeinwärts gerichtetem Blick: Es waren die Abflugschalter, denen ihr Interesse galt. Aber Sneyd war am Donnerstag unbemerkt nach Lissabon geflogen. Er war dem FBI und den Engländern schon so gut wie entwischt. Sneyd hatte in Lissabon anscheinend nur ein kurzes Geschäft zu besorgen. Am Samstagfrüh machte er sich auf den Weg nach Brüssel, um einen Kontaktmann zu besuchen, der ihm. genannt worden war. Und nur der Zufall, daß wegen des Air-France-Streiks die Route über London nach Brüssel zuverlässiger schien, führte ihn noch einmal, zum drittenmal, nach London. Es war nur ein Zwischenaufenthalt. Um 6.10 Uhr kam die Trident aus Lissabon an, 7.50 Uhr sollte die Maschine weiterfliegen.

Man kann sich die Überraschung der neuerdings vielgescholtenen britischen Einwanderungsbeamten denken, als der große Fisch plötzlich statt unter „Abflug“ bei der „Ankunft“ auftauchte. Während er sich im Transitraum aufhielt, spielten die Drähte. Thomas Butler ließ sich die eigenhändige Verhaftung nicht entgehen.

Was hatte Sneyd in Brüssel suchen wollen? Zumindest dieses Rätsel scheint gelöst. Als die Nachricht von der Verhaftung des Ray alias Sneyd über die Agenturen lief, faßte sich der Afrika-Experte des konservativen „Daily Telegraph“, Ian Colvin, an den Kopf. Ein Ramon Sneyd hatte ihn in der voraufgegangenen Woche mehrmals angerufen und nach Möglichkeiten gefragt, einer weißen Söldnertruppe in Afrika beizutreten, vorzugsweise in Angola, weil dort, wie er sagte, sein Bruder lebe. Colvin hatte dem Mann, der das Pax Hotel in Pimlico als Adresse nannte, an einen Verbindungsmann in Brüssel verwiesen. Wollte Ray in Angola untertauchen, oder reizte es ihn, auf Schwarze zu schießen? Kein Richter wird auf diesen makabren Aspekt in Rays Plänen Gewicht legen. Aber niemand wird übersehen, daß für einen Mann wie Ray – wenn er King erschossen hat – das Dasein eines weißen Söldners in Portugiesisch-Angola eine symbolkräftige Weiterentwicklung bedeutet hätte.