Karlsbad, Prominentenkurort von einst, legt auch heute Wert auf große Namen: Haile Selassi kam, der Schah von Persien, Kosmonautin Valentina Tereschkowa, Udo Jürgens. Im Hause Nummer eins werden Besucher vor zwei große, kitschig bunte Wandgemälde geführt, auf denen die Berühmten verewigt sind: Kaiser Karl, Maria Theresia, Peter der Große, Metternich, Goethe, Puschkin, Chopin und Brahms.

Die Zeiten haben sich geändert.

An der Tepla promenieren heute Landarbeiterfrauen aus dem Riesengebirge, Werkzeugmacher aus Leipzig, Geschäftsleute aus Brüssel, London und Paris, Angestellte aus Moskau und Hamburg. Nicht weit von Eger liegt der geographische Mittelpunkt Europas. Die tausend Quellen der Tschechoslowakei haben Anziehungskraft für Menschen aus Ost und West. 1967 kamen 1400 Kurgäste aus der Bundesrepublik und 1200 aus der DDR. Für 1968 rechnet man mit 2000 Besuchern aus Westdeutschland.

In der stuckverzierten Halle von „Pupp’s Hotel“, das außerdem noch „Moskwa“ heißt, wird zu braven Weisen brav getanzt. Ein paar Mädchen warten auf Einsame und finden, was verboten ist, fast immer ihre Kunden. Nichts ist teuer, auch das Trinken nicht. Die Flasche Wein im besten Haus am Platze kostet neun Mark. Bier aus Pilsen und aus Budweiß. Es gibt Weinkeller, Schlemmerlokale, Bierschwemmen und Bars, Kneipen mit dunkelroter Tapete, dicken Vorhängen, Kristallüstern und Obern im Frack. Österreich ist nah. Man kann hören: „Küß die Hand.“ Man spricht Deutsch, mit einem Tonfall, der heiter stimmt.

Einst war die Kur in Karlsbad eine Pferdekur. Die Gäste mußten zwölf Stunden täglich in die Wanne. Wer hierher kam, starb oder überlebte. Heute werden die Patienten von 90Ärzten betreut. Der Aufenthalt beginnt mit einer gründlichen Untersuchung, nach der ein genauer Behandlungsplan aufgestellt wird. Muß der Blinddarm raus, so ist auch das inklusive. Die Preise sind verblüffend: Dreiwochenaufenthalt mit Fahrt, Vollpension, Unterkunft, allen Anwendungen und Kurtaxe in Marienbad, Franzensbad, Joachimsthal und Karlsbad in der Nebensaison in guten Häusern 700 Mark, in den besten Sanatorien 923 Mark. In der Hauptsaison Zuschläge zwischen 43 und 140 Mark. Nachteil des preiswerten Arrangements: Die westdeutschen Krankenkassen leisten keinen Beitrag für den Aufenthalt in tschechischen Bädern.

Man kann aber auch als Feriengast kommen. Eine Woche Vollpension in guten Hotels 137 Mark. Die Rückfahrkarte mit der Deutschen Bundesbahn ab Hannover kostet in der zweiten Klasse 116 Mark, in der ersten 174 Mark. Heute gibt es in Karlsbad 7000 Fremdenbetten – vor 30 Jahren waren es 15 000. Überall wird gebaut, erweitert, renoviert.

In Karlsbad sucht man Heilung bei Leber-, Gallen-, Magen- und Darmleiden, bei Diabetis und Stoffwechselbeschwerden, Franzensbad wird von Frauen bevorzugt. Marienbad hilft bei Erkrankungen der Harnwege, und in Joachimsthal lindert man mit radiumhaltigem Wasser Gicht und Rheuma.

Und nur dreizehn Kilometer von Joachimsthal ist die Grenze zur DDR, ein paar Schilder, sonst nichts. Ausflügler aus Oberwiesenthal brauchen für die Reise in die Tschechoslowakei nur den Personalausweis. D. B.