Von Stefan Andres

Sobald die Römer anfangen, über die Hitze zu reden oder gar zu seufzen, so um Anfang Juni herum, nehmen wir nach guter alter Römerart Abschied von der Stadt. Das Haus am Meer liegt genau zwischen Ostia und Anzio. Wir fahren nur eine knappe Stunde, während Cicero, wenn er sich in die Sommerfrische nach Astura begab – ein Weg, der heute knapp zwei Stunden im Auto beträgt –, in seiner Sänfte zwei Tage unterwegs war. Die Sänfte Ciceros und unser Wagen nehmen dieselbe Richtung. Cicero wählte freilich die via Appia und war zehn Kilometer früher aus der Urbs heraus. Außerdem blieb ihm der Weg durch das Neue Rom Mussolinis erspart. Wir aber müssen durch diese pompöse Spiegelgalerie von Fassaden. Diese leeren, auseinandergezogenen Flächen und Säulen wirken wie die cäsarische Knappheit eines Schwätzers: affektiert, stilisiert, lächerlich. Aber auf der via Pontina können wir uns daran erinnern, daß derselbe Mann, der zwischen Fassade und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden wollte, dies Land zu beiden Seiten der Straße trockenlegen ließ: die pontinischen Sümpfe, einst der Regierungsbezirk der Malariamücke!

Päpste und Adelsgeschlechter, die hier begütert waren, haben an diesem Boden jahrhundertelang bonifiziert. Aber die technischen Mittel reichten nicht hin, die Kanäle versumpften, der Modderpamp drang erneut vor, und wieder lag das Land für ein Jahrhundert in seinem Fiebertraum. Rinder- und Büffelherden durchweideten es, ihr Fell widerstand dem Stechrüssel der Malariamücke. Aber die berittenen Hirten, die den Herden ihren Weg zu Pferch und Weide wiesen und mit ihren Lanzen sich die halbwilden und aggressiven Büffel vom Halse halten konnten – gegen die am Abend aufsirrenden blutgierigen Zanzaren vermochten sie nichts: Sie starben mit jungen Jahren den Malariatod.

Dasselbe Los erwartete die Landarbeiter, die meist aus den Abruzzen stammten. Für einen Hungerlohn stiegen sie jedes Jahr aus ihrer frischen Bergluft in das Fieberland herab, ohne Frauen und Kinder, die sie der Gefahr nicht aussetzen wollten. Ihr Fronvogt, der Gutsverwalter, besaß eine Peitsche, die bis in das Dorf reichte, wo die Angehörigen der Arbeiter wohnen: Er zahlte den Lohn oder zahlte ihn nicht. Daß ein Verwalter in die eigene Tasche arbeitet, ist schon seit Jahrtausenden bekannt. Diesen Betrug setzte der Patron des Verwalters natürlich in seine Rechnung. Der Patron war ein sogenannter Landwirtschaftskaufmann. Er hatte von den adligen Gutsherren gleich ein Dutzend Güter zur Bewirtschaftung übernommen. Die Pacht mußte er einst im voraus erlegen, die Zinsen zahlte der letzte in dieser Kette der wirtschaftlichen Abhängigkeit – und der letzte war der Ärmste: der Landarbeiter, Hirt, Holzfäller, der mit dem Tag seines Dienstbeginns sich selbst in die Liste derer eintrug, die den Malariatod zu sterben bereit waren – für ihre Familie in der Ferne.

Die antike Landwirtschaft war auf Sklaverei aufgebaut. Aber über solchen Menschenverschleiß, wie er im Kirchenstaat und natürlich auch anderswo noch im 18. Jahrhundert üblich war, hätte ein altrömischer Hausvater wohl den Kopf geschüttelt. Der Sklave hatte zwar keine persönlichen Rechte, er stellte einen Sachwert dar. Dieser Wert war gleich seiner Arbeitskraft, diese aber stand unter dem Schutz der rechnenden Vernunft. Wie gern hätte man einen Blick in die Seele eines solch ausgehungerten, von den ersten Fieberanfällen gezeichneten Arbeiters aus den Abruzzen getan! Er war immerhin ein getaufter Christ, und die sein Leben so säuberlich ausnutzten, nannten sich auch Christen. Sie saßen drüben in Rom im Schatten der Peterskuppel, kamen manchmal auch zu Fuchs- und Eberjagden heraus, aber gegen Abend, ehe die Mücken sirrten, machten sie sich davon.

Jedesmal, wenn ich die via Pontina hinunterfahre, denke ich beim Anblick der landwirtschaftlichen Groß- und Kleinbetriebe, die auf der sauber und gesund gewordenen Erde weiß und rot glänzen, beim Anblick der knallfarbigen Tankstellen und der schnittigen kleinen Fabrikgebäude, die von der cassa del mezzogiorno in das noch vor fünfzig Jahren wüste Land gelockt wurden, jedesmal denk ich: Welche Verwandlung! Welch eine segensreiche Verwandlung durch Wissenschaft, Technik und die organisatorische Vollmacht eines Diktators, der in diesem Fall einmal das Rechte erkannte und tat.

Düstere Seele ausgehaucht