Jung-Revolutionäre, denen es offenbar egal ist, wen sie eigentlich treffen, machen sich die Sache zu einfach.

Fahren wir? Fahren wir nicht? Oder doch? Künstler, Kunsthändler, Kritiker, Sammler und andere Kunstinteressierte in aller Welt machen’s zur Zeit dem Gretchen nach, denn die Frage, ob man denn die Reise nach Venedig zur Biennale riskieren solle, übergibt man am besten gleich dem Blumenorakel.

Seitdem das Festival von Cannes so filmgerecht in die Luft gejagt wurde und seitdem der Präsident der Triennale in Mailand die Demonstranten, die vor dem Palazzo dell’arte standen, verstört-freundlich in denselben hereinbat und damit das Ende der Triennale an deren Anfang vorverlegte, seit diesen und anderen, weniger spektakulären Vorkommnissen zittern die Leiter und Organisatoren von kulturellen Veranstaltungen jeder Art der Zukunft entgegen und fragen sich, ob ihr Theaterwettbewerb, ihre Filmwoche, ihre Ausstellung oder ihr Festival wohl das nächste Opfer sei.

Nicht ohne Grund, denn Berufs-Revolutionäre handeln da nach der gleichen Maxime wie Berufs-Krieger oder -Kaufleute: Es gibt nichts Erfolgreicheres als den Erfolg. Nach dem Krimi-Muster „Morgen bist du dran“ hat man nun also die Biennale-Leitung in Venedig wissen lassen, daß diese Kunstausstellung, die am 22. Juni eröffnet werden, soll, als nächste auf dem Programm stehe. Aus Mailand werden bereits strategische Anweisungen zur Okkupation nach Venedig vermittelt, und Lloyds hat die Versicherungsprämien für die Kunstwerke des französischen Pavillons drastisch erhöht.

Daß all die Sitz-, Lehr- und Liebes-Zusammenkünfte, die Besetzungen von Universitäten, Theatern und anderen Tempeln des Establishments ein Protest gegen die korrumpierte kapitalistische Gesellschaft sind, ist hinreichend bekannt. Aber wer Anspruch darauf macht, daß sein Idealismus nicht bei seinen blauen Augen endet, wer nicht nur deklamieren, sondern wirksam werden will, der müßte sich schon auch ein paar Gedanken über das Wie und Wo und Wann von Aktionen machen.

In Cannes machte man einer zwischen Establishment und Avantgarde ziellos pendelnden Industrie einen Strich durch die alljährlich zelebrierte Nabelschau und hatte dabei die geschlossene Gruppe derer, die seit Jahren innerhalb der Branche neue Wege durchzusetzen versuchen, auf seiner Seite. In Mailand verkündeten die Plakate zwar das „Nieder mit der kapitalistisch-faschistischen Kunstdiktatur“, aber inwieweit gerade die Triennale ein Hort derselben ist, darüber gehen die Meinungen doch auseinander.

Die Modalitäten nun, unter denen die Kunst-Biennale von Venedig stattfindet, weiß zwar seit einigen Jahren niemand mehr so recht zu loben, und insofern könnte ein Schuß vor den Bug dieser Veranstaltung von nützlich therapeutischer Wirkung sein. Aber wenn die Biennale ’68 überhaupt nicht stattfinden sollte, dann werden dadurch außer den Hoteliers von Venedig in erster Linie die Künstler geschädigt, Leute wie Jean Tinguely, Bridget Riley, Nicolas Schöffer und Phillip King – Künstler also, die auf ihre Weise (das heißt mit ihren Arbeiten) ganz im Sinne der Protestierenden tätig sind. Nicht zu reden von denen, die bisher noch keinen Namen haben, die in Venedig auf den Durchbruch hofften. Eine totale Katastrophe wäre der Ausfall der Biennale für diejenigen, die bei dem Anschlag gar nicht gemeint waren.