Von Paul Wember

Dr. Paul Wember ist Direktor des Kaiser-Wilhelm-Museums in Krefeld und bekannt für seine fortschrittlich wagemutige Anschaffungspolitik.

Was macht eigentlich den Umgang mit der Kunst der Gegenwart für viele so schwierig? Ständig erleben wir die Spannungen, die sich zwischen der Kunst einerseits und den menschlichen Gewohnheiten andererseits ergeben, die dann zum permanenten Konflikt führen müssen, weil Kunst und Normen immer aufeinanderprallen. Zwar hat es Zeiten gegeben, wo dies nicht der Fall war, aber sie liegen weit zurück. Reden wir jetzt von der Gegenwart und von der neuen Kunst.

Die neue Kunst, was ist das? Für den einen Picasso und Nolde, für den anderen Lichtenstein und Computer-Graphik. Hier wird die Reichweite des Konfliktes schon spürbar, denn offensichtlich entscheidet sich die Mehrheit der Kunstfreunde für Picasso und Nolde, wenn von moderner Kunst die Rede ist. Nolde oder Chagall sind auf einmal für die Menge der Gegenwartsmenschen auch „schön“, wie denn überhaupt schön oder nicht schön die einzigen Kriterien bei der Kunstunterhaltung sind, zu denen im Hinblick auf die Gegenwart nur noch „schrecklich“ kommt. Chagall zum Beispiel kann nur gut sein, er ist etikettiert, er ist ein Markenartikel. Natürlich gibt es auch die großen Bereiche der Kinetik und der Pop-art, aber sie sind sozusagen von minderer Qualität und im Augenblick noch für eine niedrigere Verbraucherschicht, und das Niedrige und das Banale soll immer zugunsten des Wahren, Edlen und Bleibenden abgestreift werden. Schließlich hat man von der Kunst, mit der man ständig umgeht, seine festen Kriterien. Dazu gehört das Hohe und das Niedrige.

Nolde zählt wie gesagt schon zum Hohen, Lichtenstein, Oldenburg und Beuys selbstverständlich zum Niedrigen. Andere Kriterien sind das Ewige und das Vergängliche. Das Ewige haben wir in der guten, klassischen Kunst, das Vergängliche in all den neuen Versuchen, die als Zeiterscheinung, nicht ernst genommen werden können. Am besten übergeht man das Neue und hält sich an das Ewige. So werden dann auch Hinweise, sich damit als einem sozialen Phänomen auseinanderzusetzen, einfach zurückgewiesen. Ohne uns der Gefahr der Simplifizierung auszusetzen, kann man zusammenfassend sagen: Das Gemeinsame der Feinde der modernen Kunst ist, daß sie nicht wissen, was sie ist. Deswegen muß das wirklich Neue zwangsläufig als nicht existent ausgeschaltet werden.

Der menschliche Gewohnheitssinn hält sich einfach an das Bekannte, an das Gewohnte, an das, was einem zur vertrauten Welt geworden ist. Die menschlichen Normen, die eine Menschengruppe sich gibt, sind der Inbegriff aller Regeln, die auf den äußeren Satzungen der Menschengruppen beruhen und die die Lebensverhältnisse der Menschen untereinander normieren. Ein Verstoß gegen die Normen wird durch entsprechende Organe der Menschengruppen geahndet. Die Kunst hat damit nichts zu tun. Man kann sie im weitesten Sinne als einen dem Menschen innewohnenden Drang begreifen, bestimmten Gedanken einen besonderen Ausdruck zu verleihen. Diese Unterschiede werden von der Gesellschaft schlechthin einfach außer acht gelassen.

Die Kunst wird mit dem Maß der Normen und Gewohnheiten gemessen wie alle anderen menschlichen Tätigkeiten und Bedürfnisse auch. Zwar ist beiden Begriffen, der Kunst und der Norm, in hohem Maße das Moment der Entwicklung eigen, doch sehr unterschiedlich. Gleichzeitig ist es sehr menschlich, daß die ordnenden Kräfte innerhalb einer Gesellschaft den erreichten Zustand möglichst zu konservieren trachten und ihn deshalb mit dem Licht des Endgültigen verklären. Letzteres trifft dann für die Kunst genauso zu wie für das Recht. Aber man übersieht, daß die Entwicklung auf Seiten der Kunst unzweifelhaft dynamischer und stürmischer ist und daß sie sich nicht nach Gewohnheiten richtet, sondern nach anderen Gesetzen. Und so erscheint dem Menschen in der Beharrung die Kunst als etwas Fremdes. In Wirklichkeit liegt der Maßstab für die Entfremdung in dem Menschen selbst, der in den Konflikt geraten ist, und nicht in der jeweiligen Kunst.