Von Dietrich Strothmann

Der Vater ist 52 Jahre alt, von Beruf Klempner. Er lebt allein in einem der landesüblichen hellen Häuser aus rohem Stein. Das Dorf heißt Taiyeba, zählt rund zweitausend Einwohner und liegt 850 Meter hoch, nahe Jericho am Jordan, nicht weit entfernt von jenem Berg, auf dem Jesus vom Teufel in Versuchung geführt worden sein soll. Früher gehörten der Ort und das umliegende Land zu Jordanien, heute weht dort die Flagge mit dem Davidstern.

Über dem Eingang zum Haus des einsamen Mannes mit Namen Bishara Salameh Sirhan steht in arabischer Schrift: „Jehova der Hohe – Du gabst mir irdisches Glück, gib mir ewiges Leben. Du bist der einzige Gott, und niemand soll vor Dir verehrt werden.“ Der Vater ist ein frommer Mann. Erst war er griechisch-orthodox, jetzt ist er ein Zeuge Jehovas. Die Leute in Taiyeba meiden ihn, seit langem – nicht erst seit jenem Tag, da alle Welt weiß, wer er ist: der Vater eines Mörders. Robert Francis Kennedy fiel durch die Hand seines Sohnes. Der Vater nannte ihn Sirhan Bishara Sirhan. Auf Arabisch bedeutet Sirhan „Der Wanderer“, und Bishara heißt soviel wie „Gute Nachrichten“.

Sirhans Vater versteht die Welt nicht mehr. Über seinen Sohn sagte er: „Er war ein sehr guter Schüler, der beste von seinen Brüdern. Er war ein intelligenter Junge. Ich hatte niemals Ärger mit ihm. Ich dachte bei mir: aus dem wird noch mal was.“ Und der Vater erinnert sich weiter: „Oft kam er aus der Schule und erzählte mir: ‚Papa, mein Lehrer sagt, ich werde mal ein großer Mann sein!‘ oder er fragte mich: ‚Sag, Papa, bin ich gescheiter als meine Brüder?‘ “ Am 5. Juni 1968 wurde Sirhan zum weltbekannten Mörder.

Heute sitzt Bisharas Sohn in einer fensterlosen, abgelegenen Zelle im Distriktgefängnis von Los Angeles: der am strengsten bewachte Häftling Amerikas. Ein Wachmann ist bei ihm, einer blickt ständig durch das Guckloch, vier andere patrouillieren auf dem Gang. Nicht einmal der Polizeichef der Stadt weiß, wo seine Zelle liegt.

Die Lehrer der lutherischen Schule der Erlöserkirche in der Jerusalemer Altstadt waren mit den Leistungen des jungen Sirhan zufrieden. Unter den sechzehn Schülern seiner Klasse stand er an siebenter Stelle. In seinem letzten Zeugnis findet man die Noten: Religion sehr gut, Arabisch sehr gut, Algebra sehr befriedigend, Geometrie gut, Fleiß gut, Betragen gut. Sein Pfarrer hielt ihn für gescheit, lebhaft, bescheiden, aber auch für unstet und unglücklich. Und sein Vater berichtet: „Jeden Abend las er die Bibel, dann kniete er sich vor sein Bett und betete, küßte die Hände seiner Eltern und legte sich schlafen. Jeden Sonntag ging er zum Gottesdienst.“ Damals war Sirhan, der Wanderer, elf Jahre alt. Nun ist er 24 und wartet auf seinen Prozeß.

Er stand an jenem 5. Juni im Gang zur Küche des „Ambassador“-Hotels von Los Angeles und wartete auf Robert Kennedy. Zwischen seinen Fingern zerrieb er Papierfetzen. Sie wurden später in seiner Hosentasche gefunden. Vorher hatte er sich durch die jubelnde Menge gedrängt und mit den anderen geschrien: „Wir wollen Bobby!“ Minuten später drückte er seinen Revolver gegen ihn ab. Er wurde zum Mörder eines Kennedy – der fleißige, fromme Schüler aus Jerusalem.