Alban Berg: „Violinkonzert“ und Igor Strawinsky: „Violinkonzert“; Arthur Grumiaux, Concertgebouw-Orchester Amsterdam, Leitung: Igor Markevitch und Ernest Bour; Philips 802 785 LY, 25,– DM.

Beide Konzerte lagen bereits mehrfach vor, Berg zweimal, Strawinsky sogar viermal – was den Vorwurf etwas entkräftet, die Schallplattengesellschaften kümmerten sich wenig um die Neue Musik. Trotzdem: diese Platte könnte den anderen den Rang ablaufen. Bereits die Koppelung macht die Aufnahme attraktiver. Vier Jahre nur liegen zwischen beiden Konzerten, aber Strawinskys klassizistisches Stück (1931) mit seiner raffinierten Mischung aus spielfreudiger Motorik und virtuoser Spaltklang-Instrumentation ist meilenweit von dem Zwölfton-Expressionismus Bergs (1935) entfernt. Gerade diese spezifischen Merkmale werden in der Gegenüberstellung auf einer einzigen Platte besonders deutlich. Grumiaux spielt bei Berg leidenschaftlich engagiert, das Stück zeigt seine Nähe zur Romantik, bei Strawinsky dagegen in kühler Distanziertheit, frech und mit einem leicht ironischen Lächeln. Wichtiger fast noch scheint mir die Behandlung der Orchesterparte. Markevitch schweigt in Farben, Bour bietet pointierte Skurrilität; Markevitch integriert Klänge, Bour analysiert sie; Markevitch konzentriert sich auf Ausdruck, Bour auf Form – jeder trifft mustergültig genau den Kern der Sache.

Heinz Josef Herbort