C. M., Washington, im Juni

Es war Mittwoch der vorigen Woche, 4.27 Uhr in der Frühe. Plötzlich wurden die Lautsprecher auf dem verschlammten Gelände der rasch hingezimmerten Barackenstadt der Armen lebendig. „Achtung! Bewohner von Resurrection City! Auf Senator Kennedy ist geschossen worden. Bleibt ruhig, bleibt ruhig!“

Im Weißen Haus, kaum zwölf Minuten entfernt, und im Pentagon am anderen Ufer des Potomac war schon Alarm gegeben worden. Die 3000 Polizeibeamten und 1500 Feuerwehrleute Washingtons wurden in 12-Stunden-Schichten eingeteilt, jeglicher Urlaub war gesperrt; einige tausend krawalltrainierte Soldaten in der Hauptstadt und in Los Angeles wurden bereitgestellt; der Krisenkommandostand, der zuletzt bei den Unruhen nach dem Mord an Martin Luther King benutzt worden war, wurde wieder besetzt.

Um 5 Uhr gingen im New Yorker Negerviertel Harlem zwei prominente Kennedy-Anhänger auf die Straße: der Bezirksbürgermeister von Manhattan, Percy Sutton, und der Baptistenpfarrer Kendall Smith. Sie sprachen mit den Leuten, die zu dieser Zeit noch auf den Beinen waren. Sutton sagte danach: „Ich fürchte mich, auch nur daran zu denken, was passieren könnte. Ich habe mich auf den Straßen umgehört und hoffe, daß nichts geschieht. Aber ich habe Angst.“ Er wußte, welch ungewöhnliche Gefühlsbindung zwischen Robert Kennedy, dem weißen Millionär, und den armen Schwarzen entstanden war.

Vierundzwanzig Stunden später war Robert Kennedy seinem Bruder in die Walhalla der Neger nachgefolgt. John Kennedy, Malcolm X, Medgar Evers, Martin Luther King – die Liste derer, die gegen Unterdrückung auftraten, die sie zu bekämpfen schworen, und dann – so glaubt es das schwarze Amerika – einer Verschwörung zum Opfer fielen, ist abermals um einen Namen länger geworden.

Was die Neger sagten, verriet überall die gleichen Empfindungen: Schock, Unglauben, Bitterkeit und Hoffnungslosigkeit. Pastor Smith fragte: „Warum bringen sie immer nur Leute wie Malcolm X, Dr. King und die Kennedys um? Warum niemals die Reagans oder die Wallaces? Da müssen die Schwarzen doch glauben, daß hinter alledem eine Verschwörung steckt!“

Kings Nachfolger Ralph Abernathy und Hunderte seiner Freunde knieten im Schlamm von Resurrection City nieder und beteten für Robert Kennedy. Sie sangen Spirituals – „Nobody knows the trouble I’ve seen“. Sie weinten. Sie waren verzweifelt.