Von François Bondy

Henry de Montherlant ist eben jetzt in Paris mit zwei vor langen Jahren entstandenen Werken zu einem Autor der Saison geworden, nämlich mit dem Roman „Die Sandrose“ und mit dem Schauspiel „Die Stadt, deren Fürst ein Kind ist“, das zu einem der stärksten Bühnenerfolge dieses Winters wurde. So stellte sich wieder einmal die Frage: Ist Montherlant wirklich einer der großen französischen Schriftsteller unserer Zeit? Zur Beantwortung verhelfen kann –

Henry de Montherlant: „Geh, spiel mit diesem Staub“, Tagebücher 1918–1964, aus dem Französischen von Karl August Horst; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 356 S., 28,– DM.

Montherlant selber jedenfalls zweifelt nicht daran und schreibt über seinen Ruhm so, wie man ein Monument betrachtet. Es ist hier eine Mischung von Selbstverliebtheit und historischer Distanz, bei der man einen Gran Humor vermißt. Einmal heißt es in diesen Tagebüchern:

„...Wenn man einen bestimmten Grad von Berühmtheit erreicht hat, muß man seine Berühmtheit selber an den Zügel nehmen, so wie Augustus die Grenze angab, über die hinaus das Imperium nicht ausgedehnt werden sollte.“

Wer mag wohl dieser „man“ sein? Manchmal notiert er Reflexionen, die neben den großen Moralisten und Aphoristikern der französischen Literatur nicht gut bestehen, wie etwa diese: „Nicht die Menschen sind es, die mich besiegen können. Wenn ich mir etwas aus ihnen machte, – wäre ich der Besiegte.“

Montherlants letzter Roman: „Das Chaos und dieNacht“ hatte einen alten, nörgelnden spanischen Anarchisten zum Helden, in dem manche Kritiker eins Art ironisches Selbstporträt geschätzt hatten. Nun macht sich Montherlant in seinen Tagebüchern die Mühe, jede Verwandtschaft mit seiner Kunstfigur abzustreiten und genau zu erklären Ein spanischer Privatlehrer namens Mariano Paio habe Porträt gestanden. Dabei passen manche querulantische Äußerungen in seinem Tagebuch so gut zu diesem Romanhelden, daß man Montherlants Distanzierung nicht ganz glauben kann.