Dieser Text ist der 16. Sendung (21. Mai) der WDR-Reihe „Hanns Eisler über Kunst und Politik“ entnommen; er wurde von uns leicht gekürzt.

Ich lese eben wieder einmal die Gespräche Goethes mit Eckermann und finde da einige Zeilen, die mich sehr betrübt machen, denn sie erinnern mich an die Schwierigkeiten, mit denen die Deutschen ihr klassisches Erbe zu übernehmen haben. Das Faktum ist bekannt, die Klassiker haben tatsächlich für die gebildeten Stände geschrieben, wie sie selbst zugaben. Das aufzuholen und nachzuholen für die Arbeiterklasse ist schwierig, braucht Zeit und stimmt nicht immer mit unseren momentanen Interessen überein ...

Ich kann nur sagen, daß in meiner Jugend diese hohen Schichten in einer Art Demokratie, und zwar im Sinne einer Monarchie des Spätkapitalismus ausgebildet wurde. Das heißt: jeder Kleinbürgersohn oder Bürgersohn konnte in dem Staatsgymnasium der Monarchie das erlernen. Damit war ausgeschlossen die Arbeiterschaft, in meiner Klasse zum Beispiel von fünfundvierzig Studenten im k.u.k.-Staatsgymnasium Nr. 2 war, glaube ich, ein Arbeitersohn auf Stipendium, und der hat auch nach einigen Jahren schlapp gemacht, es war nicht mehr zu schaffen für ihn. Also, man muß sagen, das, was damals dem Adel und der guten Gesellschaft möglich war, war bereits 1912 möglich im Kleinbürgertum. So können wir optimistisch werden, wir können sagen, daß in einer weiteren Ausbildung unseres Bildungswesens auch dieses Klassenziel, ich sage das doppeldeutig, erreicht werden kann...

Unsere Klassik hat einen schrecklichen Nachgeschmack nach Exklusivität. Ich muß sagen, daß in den Kulturländern Deutschland das einzige Land ist, in dem die Klassik nicht nur die Größe, sondern ein Fluch war, sie ist in dem äußersten Maße exklusiv ...

Wenn wir die Kunstgeschichte überhaupt erklären wollen, so entstehen die einzelnen Gebiete der Kunst vor allem durch Arbeitsteilung, und die Säkularisierung, die Emanzipation der Kunst vom Religiösen, vom Ritus, vom Mythos ist ihre Verbürgerlichung und ihre Modernisierung. Das heißt: in dem Moment, wo die Kunst sich abtrennt von ihrem praktischen Gebrauch – der Ritus ist ja praktisch ein Gebrauch – wird sie erst das, was wir modern als Kunst bezeichnen ...

War die Säkularisierung der Kunst eine kulinarische – das heißt: die Kunst wurde zu einem Genußmittel, sie wurde vom Gebrauch des Mythos der dumpfen Gemeinde zu einer individuellen Betätigung, sie wurde zu einem Spaß statt einer verpflichtenden Gemeinschaftssache –, so müssen wir sagen, daß wir doch in diesen Zeiten auf der Bitterfelder Konferenz zurückgehen, ich sage es ganz grausam, auf die Höhlenzeichnungen. Wir brauchen Kartoffeln, also: eine Kartoffel-Kantate; wir brauchen bestimmte Produktionssteigerungen, also, Komponisten und Dichter: schreibt Lieder, Gesänge und Kantaten, um unsere Produktion zu steigern. Eine durchaus ehrenwerte Sache, mit der ich einverstanden bin. Aber ist es nicht, philosophisch gesprochen, eine ungeheure Zurücknahme der Säkularisierung?

Wenn das Sein vollkommen ist, nehmen wir konkret das politische Sein, brauchen wir den schönen Schein nicht mehr in dieser Weise, oder ich würde sagen, es muß eine neuerliche Umfunktionierung der Kunst geschehen, in der die Kunst das wirklich wird, was sie heute nur in den niedrigsten Formen ist: Spaß, Vergnügen und Zerstreuung, Diese Formulierung soll in keiner Welse ein Anlaß sein, daß sich die Talente vor den aktuellen Aufgaben in der Zeit, vor der wichtigen Frage des Friedens zum Beispiel, drücken und sich mit dem Sein so zufrieden geben, daß sie keinen Schein mehr brauchen... Aber ich glaube, wenn wir für heute nicht stehen bleiben sollen, müssen wir die Courage haben, sämtliche unserer Positionen zu bezweifeln durch die Einsicht in die erlebte Geschichte, und uns vorbereiten, in einer neueren Zukunft uns selbst zu liquidieren.