Ratzeburg

Die Geschichte erinnert an Till Eulenspiegel, der zehn Kilometer entfernt begraben liegt. Da schritten die Ratsherren einer kleinen Beamtenstadt mit CDU-Mehrheit zur Bürgermeisterwahl und vergaßen, den Kandidaten nach seinem Parteibuch zu fragen. Als dann die Wahl vollzogen war, erkannte man das Kuckucksei: Uns regiert ein Mann von der SPD!

Viele Jahre lang hatte Ratzeburg einen dornröschenhaften Tiefschlaf gehalten. Die Folge war eine Überalterung der Bevölkerung, weil die jungen Leute keine Arbeitsplätze fanden.

Der neue Bürgermeister, mehr Manager als Bürokrat, erwies sich als produktiver Unruhegeht. Er kümmerte sich um Stadtsanierung, Straßenbau, Ruderakademie, „weiße“ Industrie, Planung der Stadt als Kurzentrum. Ständig zwischen Kiel und Bonn hin und her pendelnd, gelang es ihm, Landes- und Bundesmittel für seine Stadt locker zu machen. Bonner Ministerialbeamte lobten den Bürgermeister als „fleißigen und ungewöhnlich tüchtigen Mann, der so energisch seine Sache verfolgt“. Und die Ratzeburger ließen sich mitreißen. Der Bürgervorsteher (CDU) äußerte, man habe mit dem Neuen eine ausgezeichnete Wahl getroffen, und: „Den lassen wir uns nicht wieder wegnehmen.“ Der Bürgermeister selbst bemühte sich, die Stadtväter sein Parteibuch vergessen zu lassen. Der Vorsitzende der SPD-Fraktion erklärte: „Oft hat er gegen uns regiert und sozialdemokratische Prinzipien hintangestellt, um sein Ziel zu erreicien.“

Vor der Wiederwahl aber hörte man die Bürger munkeln, ihr Meister werde nicht wiedergewählt. Warum? Der CDU-Bundestagsabgeordnete von Wrangel meinte schon 1966 zu seinem Kollegen Sänger (SPD), ein Sozialdemokrat könne doch nicht eine Gemeinde mit CDU-Mehrheit regieren. „Meine Freunde haben doch einen jungen Assessor oder so etwas, der da hin soll.“

Mit den Stimmen der CDU wurde die Stelle neu ausgeschrieben: „Gesucht wird eine Persönlichkeit, die insbesondere in der Lage ist, die Aufgaben (Modellfall der Bundesregierung – zentraler Ort – Luftkurort – Stadterneuerung) weiter fortzuführen...“ Weiter fortzuführen – es hieß nicht etwa „neu anzupacken“ oder „besser zu lösen“. Damit gestand man ein, daß kein sachlicher Zwang zum Amtswechsel vorlag.

Jener junge Assessor wurde dennoch gewählt. Die CDU-Stadtabgeordneten beteuerten, parteipolitische Gründe hätten bei der Abwahl des Vorgängers keine Rolle gespielt. Doch die Begründung, die der CDU-Fraktionsvorsitzende den Ratzeburgern gab, hörte sich anders an: Aus dem Sieg der CDU bei den Kommunalwahlen 1966 erwachse eine Verpflichtung, um die kein CDU-Ratsherr herumkomme. Man berief sich auf den Willen der Bevölkerung, der der CDU eine Mehrheit von 13 : 10 eingebracht habe. Doch das Votum schmilzt auf ein Verhältnis von 12 : 11, wird berücksichtigt, daß der Abgeordnete der Freien Wählergemeinschaft kurze Zeit, nachdem er mit dem Slogan „Keine Parteipolitik im Stadtparlament“ in die Vertretung gewählt worden war, unter die Fittiche der CDU schlüpfte.

Als sie dann ihren Mann durchgebracht hatten, taten die CDU-Ratsherren ein übriges, um ihren „Verpflichtungen“ bis 1977 nachzukommen: Sie verlängerten nachträglich die Amtsperiode von sechs auf neun Jahre. Sicher ist sicher, sagte sich auch schon Till Eulenspiegel. Ekkehard Kloehn