Von Joachim Schwelien

Washington, im Juni

Noch ist das Beben der Entrüstung zu spüren, noch die Scham und die selbstanklägerische Verzweiflung der Amerikaner über den Anschlag von Los Angeles. Doch täuschen wir uns nicht: Bald wird die Empörung abklingen und wieder dem sorglosen Gleichmut Platz machen, der sich auch nach vorangegangenen politischen Mordtaten stets von neuem einstellte. Vom Kapitol, im Weißen Haus und in den Reihen der geistigen Führungsschicht ertönt der beschwörende Ruf nach Selbstbesinnung, nach Gesetzen zur Schußwaffenkontrolle und nach innerer Umkehr. Aber er kommt aus jenen Gruppen der amerikanischen Gesellschaft, die ohnehin keine Attentate begehen. Und er wird nur geringe Wirkung haben. Gewalt, auch Mord, ist ein Bestandteil des American way of life. Amerika erscheint den Zeitgenossen daher nach dem Ausspruch seiner hervorragendsten Bürger „als die barbarischste aller zivilisierten Nationen“.

Diese Tatsache ist unbestreitbar, doch berechtigt sie niemanden, die Vereinigten Staaten jetzt in heuchlerischer Selbstgerechtigkeit als einen Paria unter den Völkern zu verurteilen. Kein noch so hohes Zivilisationsniveau konnte die Zerstörung der sittlichen Grundbegriffe aufhalten. Keiner kann sich zum Richter über die Gewalttätigkeit anderer Völker aufwerfen, ohne zugleich sich und seine eigene Nation anzuklagen.

So kommt es heute darauf an, neben den allgemeinen Ursachen der Verrohung, die keinen Kontinent verschonen, dem spezifischen auslösenden Moment in jedem Volk nachzugehen.

Dabei darf man sich von der amerikanischen Mythologie auch nicht täuschen lassen. Die Pionierzeit, die den Amerikaner angeblich in eine permanente Notwehrhaltung gezwungen hat, lebt nur noch in der Sage einer sonst geschichtsarmen und ziemlich heroenlosen nationalen Vergangenheit fort; sie wird in Literatur und Fernsehen bloß aufgewärmt als Ersatz für nicht erlebte Nibelungenlieder und entgangene trojanische Feldzüge. Ebenso windig ist der Hinweis auf den zweiten Verfassungszusatz, nach dem das Recht der Bürger, „Waffen zu besitzen und zu tragen“, nicht beeinträchtigt werden darf. Die Indianer sind in einem der ersten Völkermorde der modernen Zeit längst ausgerottet worden und vegetieren nur noch als Touristenattraktionen in trostlosen Reservationen, und das Recht zum Waffentragen hat schon nach dem Unabhängigkeitskrieg gegen die Engländer seinen Sinn verloren, da Amerika eine der wenigen glücklichen Nationen ist, die nie bedrohliche Gegner an ihren Staatsgrenzen kannte.

Die Beschwörung des zweiten Verfassungszusatzes durch die einflußreiche „National Rifle Association“ oder den Verband der Sport- und Jagdschützen wirkt besonders jämmerlich angesichts der Hemmungslosigkeit, mit der die Gleichheitsgrundsätze der geheiligten amerikanischen Verfassung über Generationen mißachtet worden sind, wo es um die Rechte solcher „Minderheitengruppen“ wie der 23 Millionen amerikanischen Farbigen ging. Die Virilität des amerikanischen Mannes braucht sich übrigens nicht mehr im Besitz eines Revolvers oder eines Arsenals von Flinten zu bestätigen: Sein verdrängter Kraftkomplex findet auch ohne Schießeisen schon hinreichende Kompensation im Fahren superpferdiger Kraftwagen.