Von Wolfgang Müller-Haeseler

Seit dem 14. März dieses Jahres, als auf der Washingtoner Goldpool-Konferenz der Goldmarkt in einen amtlichen Markt der Notenbanken und einen freien Markt gespalten wurde, hoffen die deutschen Goldspekulanten auf ein stärkeres Ansteigen des Goldpreises. Die bisherigen Schwankungen am freien Markt haben noch nicht ausgereicht, um die – allerdings nur in der Bundesrepublik – anfallende Mehrwertsteuer zu überspringen.

Vor dem „Ausbruch“ der Spekulation gegen den Dollar und damit gegen den Goldpreis von 35 Dollar je Feinunze Gold mußte ein privater Käufer in der Bundesrepublik für ein Kilo Feingold 5104 Mark bezahlen, der bisher höchste Verkaufspreis, der seit dem 28. Mai gilt, brachte ihm 5250 Mark. Sein Gewinn betrug also innerhalb von rund sechs Monaten ganze 146 Mark. In der gleichen Zeit hätte er bei der Anlage von 5104 Mark in eine siebenprozentige Anleihe 178,64 Mark an Zinsen kassiert. Wenn also der Goldpreis in der nächsten Zukunft keine steigende Tendenz aufweist, hat er beim Ankauf von Gold Geld zugesetzt.

Anders sieht es allerdings aus, wenn er vor der Dollarkrise sein Gold im Ausland, etwa in Zürich, gekauft hat, auch wenn er dort ebenfalls noch kein großes Geschäft gemacht hat. Vorausgesetzt, daß er tatsächlich noch zum amtlichen Preis von 35 Dollar je Unze gekauft hat und sich zu einem Kurs von 42 Dollar je Unze von seinem Gold getrennt hat, so steht – auf Kilo umgerechnet – einem Ankaufspreis von 5104 Mark ein Verkaufspreis von 5401 Mark gegenüber. Die Frage lautet also, ob er vielleicht in naher Zukunft auf einen höheren Gewinn hoffen darf.

Das führende Londoner Goldhandelshaus Samuel Montagu & Co. Ltd., das zu den „Fixern“ des Londoner Goldmarktes gehört, das heißt zu den fünf Banken, die in London zweimal täglich den jeweils neuesten Goldpreis festsetzen, hat die Goldkäufe auf dem Höhepunkt der Spekulationswelle – also vor der Spaltung des Goldmarktes – auf rund 4 Milliarden Dollar geschätzt. Dabei ist es völlig offen, wer von den Käufern eine Daueranlage beabsichtigte oder wer lediglich versuchte, in der Hoffnung auf eine Verdoppelung des Goldpreises kurzfristig einen Gewinn zu machen.

Man kann mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, daß etwa ein Viertel bis höchstens ein Drittel dieser Goldkäufe auf die reichen Ölscheichs des Nahen Ostens entfielen, deren Mißtrauen gegen Dollar und Pfund größer ist als der Schmerz um den entgangenen Zinsgewinn, der bei einer Reservehaltung in Gold eintritt.

Wenn die Schätzung des Londoner Goldhändlers Montagu zutrifft, verbleibt aber immer noch Gold im Werte von 2,5 bis 3 Milliarden Dollar, das mehr oder weniger darauf wartet, mit Anstand aus der Spekulation auszusteigen. Es ist kaum vorauszusagen, wann und unter welchen Bedingungen dieses Gold auf den Markt fließen wird; denn niemand weiß, ob die Spekulanten ihre Hoffnung auf eine amtliche Erhöhung des Goldpreises aufgeben und sich dann von ihren Goldbeständen trennen werden. Solange immer wieder Gerüchte auftauchen, der Dollar müsse sich von seiner jetzigen Goldparität trennen, und eine Erhöhung des Goldpreises auf 70 oder gar 100 Dollar je Unze läge im Bereich des Möglichen, wird die Hoffnung auf die Realisierung eines kräftigen Spekulationsgewinnes immer wieder neu genährt.