Früher, als es noch keine Radio- und Fernsehgespräche gab, würde man es vielleicht nicht so gemerkt haben. Aber heute würde es wohl jeder merken, wenn er etwas aufpassen würde: Wir leben in einer würdevollen Zeit.

Der Interviewer fragt einen Gast vor dem Mikrophon und der Kamera: „Was halten Sie von der Lage?“ Der Interviewte blickt ihn an und erwidert: „Ich würde sagen...“ Manche beginnen auch mit einem „Äh“, andere mit einem eleganteren „Nun“, aber die Regel bleibt, daß sie etwas sagen würden, wenn ...

Zuerst fällt dem Zuhörer das gar nicht auf. Und es ist vielleicht gemein vor mir, andere darauf zu stoßen. Bei mir jedenfalls ist es schon zum Tick geworden. Und ich hoffe, ihn loszuwerden, den Tick, indem ich ihn öffentlich bekanntmache, beispielsweise andere damit anstecke. Allein und durch Selbstbehandlung werde ich nicht mehr damit fertig.

Es ist lange her, da versuchte ich, den Gebrauch des Wörtchens „würde“ zu lieben. Ich sagte mir: Es ist das „würde“ der Bescheidenheit. Der Befragte will nicht so grob sein, Knall und Fall mit dem herauszuplatzen, was er denkt; er will nicht direkt sagen: „Ich sage“; er will lieber etwas schräg erwidern; dann prallt die Antwort nicht so schrecklich hart auf die Frage. Aber diese meine Erklärung hielt nicht lange vor.

Als ich einmal selber der Interviewer war, wollte ich nämlich solch vermeintlicher Bescheidenheit zuvorkommen, und so fing ich an: „Wenn ich Sie, verehrter Herr Professor, nach der Lage fragen würde, was würden Sie dann sagen?“ Da erwiderte der Gefragte zu meiner größten Überraschung: „Tja, nun, äh, äh“ ... Und später erklärte er mir, ich hätte ihn aus dem Konzept gebracht. Er gestand: „Es wirkte verwirrend auf mich, daß Sie begannen: ‚Wenn ich Sie fragen würde...‘; denn in unserer Vorbesprechung hatten wir Ihre Frage ja schon festgelegt, und zwar in direkter Form. Jetzt aber fürchtete ich plötzlich, Sie würden mir einen Schabernack spielen...“

Oh, das war weit entfernt von mir. Ich war bloß angesteckt. In der Erwartung, daß er antworten würde: „Ich würde meinen...“, hatte ich geglaubt, fragen zu sollen: „Ich würde fragen ...“ Es war keinerlei böse Absicht im Spiel.

Wie anders, als ich schon infiziert – am Fernsehapparat als Seher und Hörer saß! Der Interviewer fragte direkt. Aber der Interviewte tat so, als sei er nicht richtig gefragt worden. Er antwortete („Ich würde sagen...“), als handelte es sich um ein unwirkliches Spiel. Wenn der eine dies und jenes fragen würde, so würde der andere dies und jenes antworten: so hinten herum.