Kehl

Der französische Zöllner an der Europabrücke Kehl–Straßburg tritt an den Wagen. „Sie haben in Kehl einen Photoapparat gekauft.“ Der überraschte elsässische Autofahrer wird von schlechtem Gewissen gepackt. Er gesteht den Kauf ein, den er nicht deklarierte – und greift sehr tief in die Tasche.

Der aufgedeckte Einkauf in der Straßburger Shopping-Oase Kehl war einem Zusammenspiel zu danken. Frankreichs Zöllner unterhalten schon seit Jahren, gewissermaßen als verlängerten Arm, in der deutschen Grenzstadt Kehl ein Heer von Spitzeln, die die Straßburger beim Einkaufsbummel verfolgen und ihre Beobachtungen per Draht in die französische Zollresidenz melden. Die Jäger, das wurde jetzt offenbar, teilen sich ihre Beute beinahe brüderlich. Die Franken, die aus den Taschen ertappter Amateurschmuggler in die Zollkassen klimpern, werden nach einem regelrechten Prämiensystem verteilt, wobei der Staat seinen Helfern ein großzügiges Zusatzsalär hinterläßt. Den Löwenanteil am Franken-Segen kassieren die Spitzel. Die Zolldirektion in Straßburg offeriert den Spionen zwischen zehn und dreißig Prozent des Strafbetrages.

Wer soviel verdienen will, muß dem Zoll freilich detaillierte Angaben machen. Beispielsweise muß in Kehl erspäht werden, wo der Einkauf im Wagen verstaut wurde. Es heißt: „In diesem Fall muß der Zugriff zu einem vollen Erfolg werden.“ Für ungenauere Informationen gibt es entsprechend weniger. Vom großen Rest fließen zunächst 16 Prozent in die Taschen des ersten Abfertigungsbeamten, sein Vertreter wird mit 8 Prozent dotiert, während der Chef 6 Prozent kassiert. Auch die Straßburger Stadtkasse profitiert mit 10 Prozent vom Zusammenspiel beim Zoll.

An sich selbst denkt scheinbar der Staat zuletzt, der mit dem Rest zufrieden ist. Das System ist aber so geschickt ausgeklügelt, daß die Staatskasse zumindest 50 Prozent von dem vereinnahmt, was nach der Spitzelentlohnung übrigbleibt. Es gibt jedoch auch Spitzenverdiener. In der Prämienanweisung heißt es dazu: „Besonders erfolgreiche ‚Anzeiger‘ können auch mit jährlichen Höchstsummen versehen werden.“

Das neue System hat die Augen der Spitzel noch schärfer gemacht, die den Straßburgern ihren Wochenendtrip in die 15 000 Einwohner zählende Schwesterstadt verleiden. Kehls Einzelhandel indessen ist auf 100 000 Versorger eingerichtet. Er ist also auf die Geldbörsen der Elsässer orientiert. Industrieartikel, Autoersatzteile und auch Reparaturen sind im Grenzdeutschland weitaus billiger als daheim. Aus diesem Grunde äugen die Spitzel, zumeist zweifelhafte Existenzen, auch in die Garagen. Ein hoher deutscher Zollbeamter sagt offen: „Die Strafen dort sind mehr als drastisch. Als Franzose möchte ich mich nicht mit meinem Zoll anlegen. Wir selbst sind gegenüber dem Treiben der sogenannten ‚Anzeiger‘ ziemlich machtlos, weil sie sich nur schwer fassen lassen.“ Dieter Zorn