In wenigen Tagen wird sie nun zwanzig Jahre alt: die Mark kann ihren Geburtstag bei bester Gesundheit feiern. International renommierte Bankiers, die sich in der vergangenen Woche in London versammelt hatten, kamen bei ihren Besprechungen zu dem Schluß, daß es gegenwärtig nur noch zwei Währungen auf der Welt gebe, die volles Vertrauen verdienten: den Schweizer Franken und die Deutsche Mark. Vor zwanzig Jahren, als Millionen Deutsche die spärliche „Kopfquote“ von 40 Mark kassierten, hat wohl niemand erwartet, daß dieses in Notzeiten ausgegebene Zahlungsmittel eines Tages begehrter sein werde als der Dollar.

In unseren Tagen erscheinen „Rückblicke“ nicht sehr sinnvoll. Die Jugend – nicht nur die rebellischen Studenten – langweilt sich nur, wenn man ihr die Leistungen der Väter vorrechnet; und auch die Generation, die den Wiederaufbau noch bewußt miterlebt hat, ist an Statistiken kaum interessiert. Ersparen wir uns also langatmige Aufzählungen, es genügt doch die Feststellung, daß aus dem „größten Trümmerhaufen der Geschichte“ (so US-General Bradley) eines der reichsten Länder der Welt geworden ist.

Am bedeutsamsten ist vielleicht wirklich die Geschichte der D-Mark. Daran hatten die Deutschen in den trüben Jahren nach dem Krieg am wenigsten geglaubt: daß sie wieder einmal eine stabile Währung haben würden, eine Währung, für die man alles bekommt, was Geld kaufen kann – überall in der Welt.

Franz Josef Strauß hat vor wenigen Wochen die Mark als die „härteste Währung der Welt“ gefeiert. Nun, ganz so gut, wie der Finanzminister glaubt, schneidet die Mark nicht ab (siehe Seite 40: „Silber für die D-Mark“). Immerhin hat uns die Tatsache, daß die Mark trotz der überdurchschnittlichen Lohnsteigerungen in den Jahren seit 1948 nur 36 Prozent ihres Wertes eingebüßt hat, den zweiten Platz in der „Stabilitätsliste“ der führenden Währungen der Welt eingebracht.

Obwohl wir seit zwei Jahrzehnten eine recht stabile Währung haben, ist die Inflation für die Deutschen ein Trauma geblieben. Bei Umfragen wird fast immer die schleichende. Geldentwertung – von den Bürgern anderer Länder gelassen hingenommen – als größtes wirtschaftliches Übel bezeichnet. Zahlen beweisen, daß die Angst vor einer neuen Inflation unbegründet war: Nur einmal in zwei Jahrzehnten ist der Lohnzuwachs hinter der Geldentwertung zurückgeblieben – im Rezessionsjahr 1967.

Stabilität des Geldwertes ist ein wichtiges, aber kann nicht das einzige Ziel der Wirtschaftspolitik sein. Wenn wir auf die allzu konservativen Wirtschaftler und Politiker gehört hätten, wäre die Überwindung der Rezession nicht so schnell gelungen: Wie groß waren doch die Bedenken gegen das deficit spending, gegen die „Neue Wirtschaftspolitik“ von Schiller und Strauß.

Heute zeigt sich, daß weitgehend inflationsfreies Wachstum möglich ist. Selten war die Mark so stabil wie 1968 – trotz der vielbeklagten Mehrwertsteuer. Wenn überhaupt eine neue Gefahr droht, dann durch Druck von draußen auf eine neue Abwertung oder ähnliche Maßnahmen: in einer Welt, in der Dollar, Pfund und nun auch Franc schwache Währungen sind, wirkt die harte Mark fast als Störenfried.

Noch ist also die Stabilität nicht gesichert. Immerhin ist es befriedigend, daß wir zwanzig Jahre nach der Währungsreform sagen können: die Mark wird – wenn überhaupt – nur unter Druck geraten, nicht weil sie eine schwache, sondern weil sie eine so starke Währung ist. Diether Stolze