Von Anatol Johansen

Am 19. Juni 1968 um 6.26 Uhr Chikagoer Zeit ist eine gewaltige Katastrophe zu erwarten. Ein riesiger Himmelskörper von 1,4 Milliarden Tonnen droht etwa 2000 Meilen östlich der Halbinsel Florida in den Atlantischen Ozean zu stürzen. Die dadurch freiwerdende Energie wird ebenso hoch sein wie die bei der Explosion zahlreicher Wasserstoffbomben. Auf dem Meeresboden wird ein Krater von rund 25 Kilometer Durchmesser entstehen, und eine ungeheure Flutwelle wird sich nach allen Seiten hin ausbreiten. New York und Boston werden hinweggefegt, ganz Florida überschwemmt werden ...“ So beschrieb die „Chicago Sun Times“ am 22. Mai 1967 das Rendezvous der Erde mit dem Planetoiden Ikarus, der am 26. Juni 1949 von dem bekannten amerikanischen Astronomen Walter Baade entdeckt wurde.

Inzwischen sind die genauen Bahndaten des winzigen Planeten, der die Sonne auf einer sehr exzentrischen Bahn zwischen 30 Millionen und 300 Millionen Kilometer Entfernung in 409 Tagen einmal umkreist, genau bestimmt worden. Es hat sich dabei herausgestellt, daß der von der Chikagoer Zeitung befürchtete katastrophale Zusammenstoß mit unserem Heimatplaneten nicht stattfinden wird. Das „kosmische Geschoß“ Ikarus, mit einem „Kaliber“ von eineinhalb Kilometer und einer Masse von etwa eineinhalb Milliarden Tonnen, wird am 14. Juni um 20.30 Uhr MEZ in einer Entfernung von 6,85 Millionen Kilometer an der Erde vorbeijagen. Das heißt: Der Kleinplanet wird immerhin noch knapp achtzehnmal so weit von der Erde entfernt bleiben wie der Mond. Das ist noch eine relativ sehr sichere Entfernung, wenn man daran denkt, daß ein anderer kleiner Planet, Hermes, im Jahre 1937 in nur knapp doppelter Mondentfernung an der Erde vorbeischoß.

Doch während die Astronomen bisher keinen Weltraumkörper ausfindig machen konnten, der auf Kollisionskurs mit unserem Planeten liegt, haben die Möglichkeiten der modernen Technik dazu geführt, daß man sich Gedanken darüber macht, wie man sich die Planetoiden nutzbar machen kann. So hat Diplomingenieur Oskar Bschorr vom „Entwicklungsring Süd“ in München schon am 6. Mai 1961 beim Deutschen Patentamt unter der Nummer 1 229 969 ein „Patent zur Gewinnung von Rohstoffen aus außerirdischen Lagerstätten“ angemeldet. Es geht dabei um nichts anderes als den Versuch, kleine Himmelskörper regelrecht einzufangen. Bschorr geht davon aus, daß die Planetoiden aus dem Asteroidengürtel zwischen Mars- und Jupiterbahn stammen und daher eine ähnliche chemische Zusammensetzung haben dürften wie die Meteore, die aus cieser Region kommen und die Erde treffen. Er rechnet daher damit, daß ein Eisenplanetoid neben 90 Prozent Eisen 9 Prozent Nickel, 0,6 Prozent Kobalt und 0,04 Prozent Kupfer enthält, daneben Spurenbestandteile von Platin, Gold und Iridium. Der Wert eines solchen Planetoiden wäre kaum abzuschätzen. Bschorr hat errechnet, daß schon ein Eisenmeteor von nur 200 Meter Durchmesser einen Materialwert von 90 Milliarden Mark haben dürfte.

Auf der anderen Seite wäre es nach der Auffassung des Patentanmelders keine allzu große technische Schwierigkeit, einen Kleinplaneten vom Kurs abzubringen und zur Erde zu lenken. Handelt es sich um einen Himmelskörper, der ohnehin – ähnlich wie Ikarus – in relativer Nähe an unserem Planeten vorbeizieht, so genügen dazu, wie Bschorr darlegt, atomare Haft- oder Bohrladungen, die an dem Planetoiden angebracht werden. Der Münchner Ingenieur schlägt vor, bei der Einholung des gewaltigen Eisenblocks aus dem Weltraum den Mond als Zwischenstation zu benutzen, weil nur von dort aus die extrem genaue Flugbahn erreicht werden kann, die der Körper braucht, wenn er auf einem genau bestimmten Landegebiet auf der Erde aufschlagen soll.

Freilich vermag niemand zu sagen, ob und wann die kühne Idee, einen kleinen Himmelskörper einzufangen, um ihn auf der Erde zu zerkleinern und einzuschmelzen, verwirklicht werden kann.