Vor einigen Jahren gab es im Ruhrrevier den „Drei-Liter-Willi“. Nicht nur gutgemeinter Spott war es, der dem Arbeitsdirektor eines großen Montankonzerns diesen Namen eingebracht hatte. Er war zur Symbolfigur des arrivierten Gewerkschafters geworden. Er wußte den Arbeitgeberhut mit der gleichen Selbstverständlichkeit zu tragen, wie vorher fast ein Leben lang die weniger repräsentative Mütze eines Stahlarbeiters.

Die von ihm mit stolzem Fleiß akzeptierten Statussymbole des Spitzenmanagers – der damals noch nur wenigen vorbehaltene Mercedes 300, die weiße Dienstvilla mit Swimming-pool und andere konzernherrliche Errungenschaften – machten „Drei-Liter-Willi“ indessen in den Augen seiner früheren Kumpel suspekt. Diesem Arbeitsdirektor, der noch von der Drehbank kam, nahm man es übel, daß er sich mit dem Habitus eines Arbeitgebers so offensichtlich arrangiert hatte. „Drei-Liter-Willi“ war wegen solcher Äußerlichkeiten zu einem Ärgernis für die noch sehr junge Mitbestimmung geworden.

Aber das ist lange her. Heute ist die Mitbestimmung in der deutschen Montanindustrie runde 20 Jahre alt; und etabliert sind ebenso ihre Formen wie ihre Vertreter. Heute wird dem kraft Gesetzes an die wirtschaftliche Macht Gekommenen sein persönlicher wirtschaftlicher Erfolg kaum mehr verübelt.

Auch die Arbeitnehmer sind Besitzbürger geworden, und daß „ihr Mann im Vorstand“ den gleichen Status hat wie jedes andere Vorstandsmitglied, sei eine Selbstverständlichkeit geworden, auch für die Arbeitnehmer in den Betrieben, sagt einer der jungen Mitbestimmen der Stahlindustrie.

Josef Murawski, Vorstandsmitglied der Stahlwerke Südwestfalen AG, hat allerdings genug Phantasie – und zweifellos auch eine gute Portion gesellschaftspolitischen Engagements –, um sich vorstellen zu können, daß die „astronomischen Unterschiede zwischen Durchschnittslöhnen und Vorstandsbezügen durchaus Anlaß für eine kritische Betrachtung sein könnten“. Aber er selbst, der, jetzt ’40jährig, vor drei Jahren Arbeitsdirektor in Geisweid wurde, hat seinen materiellen Status nicht mehr gegen proletarische Mißgunst zu verteidigen. Er ist auch bereits das exakte Gegenteil jener Mitbestimmer der ersten Stunde, die vorwiegend aus der Betriebsratssphäre kamen und denen es naturgemäß schwerer fiel, sich gegenüber ihren neuen, nämlich den Vorstandskollegen, zu behaupten und gleichzeitig einen ungetrübten Kontakt nach „unten“, zu ihren alten Kollegen, aufrechtzuerhalten.

Tatsächlich war der Arbeitsdirektor seinerzeit eine völlig neue Erfindung, die in der deutschen Wirtschaft ohne auch nur annähernd vergleichbare Vorgänger war. Diese Position im Vorstand ist ein Kind der sogenannten qualifizierten Mitbestimmung, die nach dem 1951 verkündeten „Gesetz über die Mitbestimmung der Arbeitnehmer in den Aufsichtsräten und Vorständen der Unternehmen des Bergbaus und der Eisen und Stahl erzeugenden Industrie“ in der Montanindustrie verwirklicht wurde.

Als „gleichberechtigtes Mitglied“ des Vorstandes – so heißt es im Gesetz – „wird ein Arbeitsdirektor bestellt“. Was er können und woher er kommen muß, hat der Gesetzgeber genausowenig vorbestimmt wie die von ihm im Vorstand zu übernehmenden Aufgaben, von denen es lediglich heißt: „das Nähere bestimmt die Geschäftsordnung“ des jeweiligen Unternehmens.