Münster

Die Stadt der Kirchen und Kneipen hat ihren neuen Skandal. In der „ultrakatholischen Tugendherberge“ Münster („Süddeutsche Zeitung“) machen ausgerechnet praktizierende Katholiken ihrem Bischof Ärger. Sie rebellieren gegen das ihrer Meinung nach verkalkte Establishment der Kirche und wollen „die Oberwindung der zur Entmündigung, Ungerechtigkeit und Erstarrung führenden Obrigkeitsmentalität“ im westdeutschen Katholizismus. Sie machen keinen Hehl daraus, daß ihnen die Konfessionsschule ebenso zuwider ist wie das Paktieren der Kirche mit der CDU und der „pompöse Aufwand“ der Gottesdienste.

Bernd Feldhaus, Studienrat und 38 Jahre alt, hat hundert Gleichgesinnte um sich gesammelt und einen Verein gegründet, der nichts mit der verspielten Tradition münsterischer Vereinsmeierei zu tun haben will. Kaum gestartet, hatte das Revoluzzer-Team – es nennt sich „Katholische Gesellschaft für Kirche und Demokratie“ – das erste Scharmützel mit dem Domplatz, dem Sitz des Bischofs und seiner Verwaltung.

Die Kontroverse begann, als die Katholiken um den Studienrat ihren Bischof baten, sich für die Auslieferung der deutschen Ausgabe des niederländischen Katechismus einzusetzen. Man berief sich auf eine Erklärung des katholischen Herder-Verlags, der sein Lager solange nicht öffnen will, bis ein deutscher Bischof die Druckerlaubnis für das längst gedruckte Glaubensbuch erteilt. Man bemerkte, daß die im Auftrag der holländischen Bischöfe mit Imprimatur von Kardinal Alfrink vor zwei Jahren erschienene Originalausgabe bereits mit einer Auflage von über einer halben Million Exemplaren in den Niederlanden auf dem Markt sei und rügte das Zögern der deutschen Hierarchie. „Wir sehen darin eine völlige Mißachtung der Wünsche der Laien nach zeitgerechter und ansprechender Glaubensverkündigung.“

Die bischöfliche Pressestelle wies die Kritik prompt als „unsachlich“ zurück und nannte den Vorstoß einen „Fehlstart“. Es stimme nicht, daß der Katechismus bisher nicht ausgeliefert sei, weil kein deutscher Bischof die Druckerlaubnis erteilt habe. Es sei bedauerlich, daß eine solche unwahre Behauptung benutzt werde, um gegen die Bischöfe zu polemisieren. Es sei ehrenrührig, dem Episkopat zu unterstellen, er wolle eine zeitgerechte Glaubensverkündigung verzögern. Der Termin für die Herausgabe einer deutschen Ausgabe des Katechismus hänge allein von Kardinal Alfrink ab, dem Inhaber der Urheberrechte.

Just die „Katholische Nachrichten-Agentur“ war es, die genau einen Tag später die Pressestelle des Bischofs von Münster brüskierte, wenn freilich auch unfreiwillig. Die Agentur der Kirche meldete ihren Abonnenten, daß der Herder-Verlag seine Verlagsrechte für die deutsche Ausgabe dem holländischen Verlag Dekker und van der Vegt abgetreten habe, der den umstrittenen Katechismus ab sofort auf den deutschen Markt bringe. Grund: „Der Verlag Herder sieht sich, wie zu erfahren war, nicht in der Lage, von seinem Verlagsrecht zur Herausgabe der deutschen Ausgabe Gebrauch zu machen, solange er nicht die kirchliche Druckerlaubnis (Imprimatur) eines deutschen Bischofs besitzt.“ Studienrat Feldhaus meinte dazu: „Jetzt ist geklärt, wer nicht bei der Wahrheit geblieben ist.“

Seit dem 30. Mai ist nun der Katechismus in deutscher Übersetzung mit dem Imprimatur Kardinal Alfrinks in westdeutschen Buchläden zu kaufen, hinter dem Rücken der deutschen Bischöfe. Eine vom Vatikan eingesetzte Kardinals-Kommission, die umstrittene Passagen prüfte und Änderungen vorschlug, konnte sich mit den niederländischen Autoren nicht einigen. Bischof Schäufele aus Freiburg, der anfangs nicht abgeneigt war, dem Herder-Verlag das Imprimatur zu erteilen, änderte kurzfristig seine Meinung und verhinderte einen Eklat, da die deutschen Kardinäle Frings und Jaeger zur Kommission des Vatikans gehörten. Derweil können die deutschen Katholiken auch ohne den Segen Roms und der einheimischen Bischöfe lesen, daß es leibhaftige Engel und Teufel gar nicht gibt, daß Maria möglicherweise nicht als Jungfrau gebar, daß Geburtenregelung Sache des persönlichen Gewissens sei und Karl Marx nicht in Bausch und Bogen verdammt werden dürfe.