Ein Jahr näher dem nächsten Krieg“, überschrieb eine britische Zeitung ihren Artikel zum ersten Jahrestag des Sechstagekrieges zwischen Israel und den Arabern im Juni 1967. Israel hat die unmittelbare Bedrohung seiner Grenzen beseitigt, aber die alten Probleme sind geblieben, vielleicht sogar noch größer geworden. Und die Frage will nicht verstummen, ob jener Krieg wirklich unausweichlich war, und wenn ja, wer ihn verschuldet hat. In der „Kriegsliteratur“, die bereits wenige Wochen nach dem Waffenstillstand den Markt überschwemmte (s. ZEIT Nr. 39/1967), waren vor allem die militärischen Fakten ausgebreitet worden; zur Vorgeschichte des Krieges aber blieben noch viele Fragen offen. Diesem Mangel hat nun, vermutlich für längere Zeit, das Buch von

Walter Laqueur: „Nahost – Vor dem Sturm. Die Vorgeschichte des Sechstagekrieges im Juni 1967“; S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M.; 272 Seiten, 19,50 DM

auf treffliche Weise abgeholfen. Als Quellen benutzte er alle erreichbaren Presseberichte und Rundfunksendungen; außerdem bezog er Informationen aus Gesprächen mit Ministern, Staatssekretären, Beamten, Offizieren und Beratern.

Laqueur wertet die Maikrise als Schulbeispiel einer Eskalation – eine Definition, der man nicht uneingeschränkt zustimmen kann, da „Eskalation“ gegenseitiges Einverständnis über die Spielregeln und kühle Planung voraussetzt. Aber Laqueur schreibt gerade der Improvisation und dem Zufall eine schwerwiegende Rolle zu. Einigermaßen exakt läßt sich der Beginn der Krise auf Ende April 1967 festlegen: Die israelischen Vergeltungsdrohungen gegen Syrien ließen es Präsident Nasser geraten erscheinen, durch einen militärischen Aufmarsch auf der Sinai-Halbinsel den Verbündeten zu entlasten. Sein Prestige in der arabischen Welt stand auf dem Spiel.

Laqueur hält es für erwiesen, daß Nasser und die Syrer Israel zerstören wollten, auch wenn die ägyptischen Schachzüge zunächst als Defensivaktionen oder als politisches Erpressungsmanöver gedacht waren. „Sie machten aus ihren Absichten nie ein Geheimnis“, aber „sie gingen planlos in diesen Krieg und hofften, daß Israel auf irgendeine Weise zusammenbrechen werde.“

Äußerst informativ ist das Kapitel über die Überlegungen des israelischen Kabinetts während der drei Wochen vor Kriegsbeginn, die minuziös von Tag zu Tag registriert werden. In den ersten Tagen glaubten sowohl Ministerpräsident Eschkol als auch die Generale nur an einen Nervenkrieg; das änderte sich schlagartig, als Nasser den Golf von Akaba blockierte. Einige Legenden, die damals vom israelischen Volk und auch in der Weltöffentlichkeit nur zu gern geglaubt wurden, lassen sich nicht länger mehr halten. Nunmehr steht fest: Ben Gurion, der streitbare große alte Mann, riet allen zur Defensive, da die erste Gelegenheit verpaßt sei; Eschkol gehörte zu den „Falken“ mindestens seit dem 27. Mai, als die Mission Außenminister Ebans bei den Weltmächten erfolglos geblieben war; Generalstabschef Rabin, der den Kriegsplan entworfen hatte, war in den entscheidenden Tagen krank, so daß der Ernennung General Dayans zum Verteidigungsminister mehr als nur psychologische Bedeutung zukam.

Der Leser sollte jedoch Laqueurs Schlußfolgerungen genau erwägen; der Autor neigt dazu, Hypothesen unversehens zu Axiomen werden zu lassen. Leider ist auch die Übersetzung der Logik seiner Gedanken nicht förderlich.