Land für Rechner und Ruhebedürftige

Von Horst Fuchs

Fast dreihunderttausend Menschen sind im vergangenen Herbst, Winter und Frühjahr mit den Fährschiffen zwischen Lübeck und Dänemark, Schweden, Finnland über die Ostsee gefahren: 110 000 mehr als 1965/66. Gibt es Chancen für den Fremdenverkehr in den Ostseeländern zu einer Zeit, die nach weit verbreiteter Meinung nicht für Reisen, sondern bestenfalls für Expeditionen nach dem Norden geeignet ist. Gibt es genügend Reisende, die sich über das Vorurteil hinwegsetzen, so viele, daß der Fremdenverkehr für Skandinavien auch im Winter ein lohnender wirtschaftlicher Faktor wird?

Diese Fragen werden und wurden in Lübeck von Reisefachleuten aus Dänemark, Finnland, Norwegen, Schweden und von der deutschen Ostseeküste erörtert. Die Hansestadt bittet unter dem Motto "Skandinavien zu Gast" vierzehn Tage lang um Aufmerksamkeit. An einem dieser Tage werden die Manager des Tourismus überlegen, was für die Zeit nach der großen Sommersaison getan werden kann – noch getan werden kann. Wer Kleider, Kohlen und Kurzreisen verkaufen will, muß immer eine Saison voraus sein.

Um Kurzreisen wird es sich meistens handeln, wenn man den Norden Europas als außersommerliches Feriengebiet anbieten und nutzen will, um den zweiten Urlaub.

Aber vorher muß plausibel gemacht werden, daß sich der Besuch im Norden auch außerhalb der Feriensaison lohnt. Dazu müssen Vorbehalte ausgeräumt werden, vor allem diese drei: Der Norden sei zu weit, zu kalt und zu teuer.

Unter den dreihunderttausend Expeditionsreisenden im letzten Jahr vor und nach der Saison muß es einige gegeben haben, für die aus den Minuspunkten Pluspunkte geworden waren. Wie ließen sich sonst die so schnell wachsenden Passagierzahlen auf den Schiffen erklären?

Sie haben die Vorbehalte offenbar so gesehen:

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Zu entfernt: Schon die Anreise mit dem komfortablen Schiff wird zur Erholung. Das älteste der Lübecker Fährschiffe ist vier Jahre alt, das jüngste vier Wochen. Die Fähren sind zwischen dreitausend und achttausend Tonnen groß, und ab September freuen sich Stewards und Stewardessen über jeden Gast.

Zu kalt: Niemand wird leugnen wollen, daß es im Dezember in Oslo, Stockholm und Helsinki kälter ist als in Neapel. Aber die Kälte ist angenehm trocken. Der Herbst an der Ostsee ist mild. Die Blumen blühen lange auf Gotland und Bornholm. Die Farbenpracht Lapplands in diesen Wochen ist berühmt. Der Frühling im Norden ist hell und sehr blauhimmelig.

Zu teuer: Skandinavien gehört zu den teuren Reiseländern. Das hat sich inzwischen sogar bei den Skandinaviern selbst herumgesprochen. Sie haben sich daraufhin etwas einfallen lassen, die Kapazitäten ihrer Schiffe und Hotels außerhalb der Saison besser zu nutzen. Es gibt Preisermäßigungen. Man zahlt nur noch die Hälfte. Die Fahrt von Lübeck nach Kopenhagen und zurück kostet zwischen dreißig und vierzig Mark, mit einer Hotelübernachtung in Kopenhagen um sechzig Mark. Nach Finnland und zurück kann man für hundert Mark reisen, wenn man sich mit einem Schlafsessel begnügt, in der Ersten Klasse kostet es 240 Mark. Die Hotels ermäßigen ihre Preise ebenfalls. In einem erstklassigen Hotel in Kopenhagen konnte man im letzten Winter ein Zimmer mit Dusche für knapp 20 Mark bekommen. Das ist weniger als die Hälfte des Saisonpreises. Auch winterfeste Bungalows werden zum halben Preis angeboten.

Wer interessiert sich also für den Norden, wenn die Angst vor Entfernung, Kälte und Preis geschwunden ist? Die Erfahrungen der letzten beiden Jahre zeigen: eine gemischte Gesellschaft.

Da sind die Rechner, die sagen: "Das nutzen wir aus." Lieber einmal bei etwas früherem Sonnenuntergang in Skandinavien als gar nicht.

Dann die Ruhebedürftigen, die sich für den Zwischenurlaub sofort nach Ankunft auf dem Bootsdeck eine Elbseglermütze aufsetzen und Tabakspfeife in den Mund und Hände in die Hosentaschen stecken.

Andere sind bloß neugierig: Wie ist das mit

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dem Sonnenuntergang im Oktober vor Gotlands Küsten, in den Wäldern Südseelands und auf den Kreideklippen von Mön bei raschelndem Laub, mit der Brunft im Kopenhagener Tiergarten, in Schweden bei 1,50 Meter Schnee, in Finnland bei 100 Grad Hitze in der Sauna und 20 Grad Kälte vor der Tür?

Die Fortgeschrittenen unter den Neugierigen sind die Wißbegierigen, die Studienreisenden. Sie besehen in Gruppen Kindergärten, Mütterheime, Hochhäuser, Tiefgaragen, Kuhställe, Krananlagen, Fließbänder, Kraftwerke und Brauereien. Auch für Studienreisen gibt es Rabatt, zuweilen sogar Zuschüsse.

Und dann kommen die Spezialisten. Einer will einen Elch schießen, andere wollen im Dezember über Kopenhagens Ströget streichen, norwegischen Weihnachtsschinken essen, Glögg in Schweden trinken oder beim Skispringen zusehen. So etwas verträgt sich durchaus mit stundenlangem Schlendern durch Carlsbergs Glyptothek oder die Ermitage in Leningrad (von Helsinki in ein paar Stunden mit dem Bus zu erreichen).

Die Praktiker unter den Wißbegierigen können noch mehr Nutzen haben, wenn sie an einer Konferenz teilnehmen, die auf einem der Ostseeschiffe stattfindet. Sogar Touristchefs kommen ja so zusammen. Sie sollten dabei überlegen, was getan werden kann, um Mitteleuropäer für den Norden zur unrechten Zeit zu interessieren: bessere Information, bessere vielseitige Angebote, interessante Kombinationen.