Ein halbes Jahr Urlaub in Harzburg – man möchte die Eltern sehen, die ihrer Tochter ein so großzügiges Geschenk zum Schulende oder nach Abschluß der Lehre machen. Es geht ja nicht nur um die Kosten, sondern auch um das verlorene halbe Jahr, um das die Verwirklichung von Berufsplänen verschoben wird. Und doch ließe es sich vielleicht verwirklichen, wenn... ja, wenn eben das Gute mit dem Nützlichen verbunden werden könnte.

Wer eine Privatschule gründen will, der braucht neben solidem Wissen, pädagogischem Talent und einem gerüttelten Maß an Organisationsgabe auch ein tüchtiges Stück Phantasie, will er auf diesem dornigen Markt zu einigem Erfolg gelangen.

Er ist Rheinländer. In den dreißiger Jahren hatte er als Wirtschaftsjournalist in Wuppertal und Düsseldorf gearbeitet und als Dozent an den dortigen Verwaltungsakademien gelehrt. Die Universität Köln fragte ihn, ob er eine Berufung in ihren Lehrkörper annehmen werde – aber dann gab es wohl doch politische Bedenken. Auf beiden Seiten, bei den Herren des Dritten Reiches und bei dem Mann, der sich seine Selbständigkeit in jeder Hinsicht gern bewahrte. So entstand die „freiheitliche“ Idee, eine Schule für junge Damen einzurichten, und zwar nicht in einer der Großstädte des Industriereviers, sondern in schöner Umgebung, eben im Harz.

Zuerst war es Gernrode, aber dann wurde die Schule schnell so groß, daß der kleine Kurort keinen Raum mehr bot. Ein Hotel in Harzburg konnte gemietet werden. Es stand leer, weil es der Harz in jenen Jahren merkwürdigerweise schwer hatte, Kurgäste für sich zu werben. Aber Eltern, die ihrer Tochter die Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin in schöner Umgebung schenkten, gab es eine ganze Menge. So blühte die Schule auf, zumal sie in Teamarbeit – damals hieß es allerdings noch nicht so – verwaltet wurde. Der Rheinländer, Doktor der Volkswirtschaft, hatte eine Diplomhandelslehrerin geheiratet, die die kaufmännischen Fächer pädagogisch verwaltete.

Hier in Harzburg wurde dann auch die zweite Idee geboren, die der Schule ein neues Fach angliederte. Ärzte in Kurorten sind selten das ganze Jahr voll ausgelastet. Man konnte sie für die Schule als Lehrkräfte gewinnen, und so entstand der Beruf der kaufmännisch-praktischen Arzthelferin. Viele frei praktizierende Ärzte brauchen neben ihrer Laborhelferin, die auch die Krankenkartei zu führen hat, eine Hilfskraft, die ihnen den „Bürokram“, die Krankenkassenabrechnungen und den Schriftverkehr, abnimmt. Meist hat ein Arzt für eine spezielle Laborantin nicht genügend zu tun, denn die schwierigen Untersuchungen übernimmt rationeller ein Laborarzt mit der notwendigen technischen Ausstattung. Eine volltags beschäftigte Bürokraft lohnt sich in den seltensten Fällen.

Der Volkswirt traf Absprachen mit Harzburger Ärzten, die ein paar Tage in der Woche Unterricht in der medizinischen Fachsprache, im „kleinen Labor“ und in der Formularkunde gaben, die eine Wissenschaft für sich ist. Der andere Sektor der Ausbildung wurde in den kaufmännischen Lehrbetrieb eingegliedert: Eine praktische Lösung, die sich schnell herumsprach und „reißenden Absatz“ der in Harzburg ausgebildeten Kräfte sicherte.

Der Krieg bedeutete eine Zäsur. Das Harzburger Hotel wurde von der Luftwaffe als Lazarett beschlagnahmt, und als man an den Wiederaufbau der Schule gehen konnte, erwies es sich dann doch als zu unmodern für den Schulbetrieb. So hatte der Schulleiter den Mut, ein zweites Mal anzufangen und ein eigenes Haus zu bauen, das allen Anforderungen genügte und gleichzeitig als Internat für fünfunddreißig Schülerinnen dient. Die übrigen Kursusteilnehmerinnen können in Gästezimmern der umliegenden Pensionen und Privathäuser untergebracht werden.

Seit 1935 sind weit mehr als achttausend Schülerinnen durch das Institut gegangen. Ihre Eltern beglückwünschen sich, daß sie ihrer Tochter ein halbes Jahr sorgloser „Pensionszeit“ bieten konnten, in der nicht mehr gesellschaftliche Formen und feine Küche, dazu ein wenig fremdsprachliches „Parlieren“, sondern praktische Kenntnisse gelehrt werden, die sich dann für ein ganzes Berufsleben verwerten lassen. H. B.