In England hat das Abenteuer der Dezimalisierung begonnen

Von Robert Lucas

Mir schwant Unheil. In meiner Hand halte ich eine funkelnagelneue englische Münze: ein 5-Pence-Stück. Es ist der strahlende Vorläufer der Dezimalwährung, die das britische Volk in der nicht allzu fernen Zukunft für mehr oder minder bare Münze nehmen muß. Vom Montag, dem 15. Februar 1971, an wird das Pfund Sterling nicht mehr 20 Shilling oder 240 Pennies wert sein, sondern 100 Pence.

Kein Zweifel, die dezimale Eskalation hat bereits begonnen. Bis zu jenem kritischen Februartag werden neun Milliarden neue Münzen geprägt sein. Millionen Registrierkassen, Addier- und Saldiermaschinen, Rechenmaschinen, Lochkartengeräte, Frankiermaschinen, Benzinmaßuhren, Taxameter und Automaten jeder Art müssen geändert oder zum alten Eisen geworfen werden. Die Dezimalisierung wird eine Dezimierung sein.

Aber das ist bei weitem nicht alles: Gleichzeitig mit der decimalization wird die metrification der englischen Maße und Gewichte vorgenommen. Und was das bedeutet, davon können sich nur die Beamten des Ministeriums für Technologie eine Vorstellung machen, denen die Furcht einflößende Aufgabe zugefallen ist, das viele Jahrhunderte alte Konglomerat der bestehenden Systeme auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen.

Elf Stones schwer

Und was für ein maßloses Kunterbunt von Maßen das ist! Der ahnungslose Reisende vom Kontinent, der auf dem Londoner Victoria-Bahnhof ankommt und auf die unselige Idee verfällt, sein bisher konstantes Körpergewicht von – sagen wir – 74 Kilogramm auf einer automatischen Waage zu prüfen, wird verblüfft feststellen, daß er plötzlich elf stones, neun Pfund und acht Unzen wiegt. Sein Erstaunen dürfte kaum geringer werden, wenn er feststellt, daß ein stone 14 Pfund entspricht und ein Pfund 16 Unzen. Wenn der Reisende, um sich von seinem Schrecken zu erholen, in der Bahnhofsapotheke ein Beruhigungsmittel kauft, kann er entdecken, daß der Apotheker ein völlig anderes Gewichtssystem benützt als das Schokoladengeschäft nebenan – und dieses wieder ein anderes als der Juwelier um die Ecke.