Muß denn erst die Börse brennen?

Reformen ja – Karneval nein." Inmitten der schwersten Krise, die sein Regime erschütterte, hat es Frankreichs Staatschef de Gaulle noch verstanden, einen Satz zu prägen, der um die Welt ging. Nur, man fragt sich manchmal, ob in unserer Gesellschaft echte Reformen ohne vorhergehenden Karneval überhaupt noch möglich sind.

Es war schließlich kein Geheimnis, daß unsere Universitäten reformbedürftig sind. Aber solange die Kritiker nur argumentierten, geschah nichts.

Seit langem war offenkundig, daß sich über den Kohlengruben an der Ruhr ein Gewitter zusammenbraute. Aber erst als die Kumpel auf die Straße gingen, raffte man sich in Bonn Taten auf.

ImBereich der Gesellschaftspolitik ist seit Jahren Einfallslosigkeit Trumpf. Das gegenwärtige System der sozialen Krankenversicherung muß über kurz oder lang in einem finanziellen Chaos enden. Der Rentenversicherung der Arbeiter wird ein ähnliches Schicksal prophezeit. Die privaten Lebensversicherungen errechneten für sie bis 1980 ein kumuliertes Defizit von 75 bis 112 Milliarden Mark.

Das mag übertrieben, das mag auch ganz falsch sein. Bundesarbeitsminister Katzer hatte dieser alarmierenden Berechnung bisher aber nichts anderes entgegenzustellen als die Behauptung, sie sei tendenziös und einseitig vom Geschäftsinteresse diktiert. Die exakte Gegenrechnung blieber bis heute ebenso schuldig wie die dringend erforderlichen Vorschläge zur Reform der Krankenversicherung.

Völlig unbeackert liegt auch seit langem das weite Feld der Vermögenspolitik. Seit der Einführung des Prämiensparens, der Verteilung von Volksaktien und der Verabschiedung des 312-Mark-Gesetzes ist hier nichts mehr geschehen.

Diese Gesetze waren überdies eher Schrotschüsse als gezielte Maßnahmen. Sie kamen praktisch jedermann zugute und wurden vor allem von den Beziehern höherer Einkommen genutzt. Ihr Erfolg war außerdem recht mäßig. Sie bieten vor allem auch keinen Ausgleich für die Forderung an die Gewerkschaften, ihre Lohnpolitik an dem Produktivitätsfortschritt auszurichten.

Muß denn erst die Börse brennen?

Die produktivitätsorientierte Lohnpolitik wird heute gerne als Patentrezept zur Lösung aller lohnpolitischen Differenzen empfohlen. Tatsächlich besticht sie auf den ersten Blick: Was erscheint logischer als die Formel, daß bei einem Anstieg der Produktionsleistung um beispielsweise zehn Prozent auch die Löhne im zehn Prozent erhöht weiden? Bekommt auf diese Art nicht jeder seinen "gerechten" Anteil am gemeinsam gebackenen Kuchen?

Lassen wir das Problem der Gerechtigkeit beiseite. Von einer absoluten Gerechtigkeit bei der Verteilung von Einkommen und Vermögen können nur Utopisten, träumen. Hier hat jede Interessengruppe ihr; eigene Vorstellung von dem, was gerecht ist. Bleiben wir bei den praktischen Problemen.

Zunächst einmal ist der Bereich der Wirtschaft, wo sich der Produktivitätsfortschritt tatsächlich einigermaßen genau berechnen läßt, nicht allzu groß. In übrigen – und das ist noch viel gravierender – werden durch diese Art Lohnpolitik die Anteile der sozialen Gruppen an dem zur Verteilung bereitstehenden Kuchen ein für allemal eingefroren. Gleichgültig wie groß er ist, gleichgültig wie rasch das Sozialprodukt wächst, der relative Abstand zwischen den einzelnen Gruppen von Einkommenbeziehein bleibt konstant, die absoluten Unterschiede im Einkommen werden jedoch immer größer.

Kein Zweifel, daß die Gewerkschaften da auf die Dauer nicht mitmachen können. Der Kampf um die Einkommensverteilung kann nicht von Mathematikern geschlichtet werden. Die produktivitätsorientierte Lohnpolitik ist zu primitiv, um den sozialen Konflikt zu beseitigen.

Und doch – wir dürfen sie nicht einfach über Bord werfen. Neben ihren Schwächen hat diese "wissenschaftliche" Lohnpolitik auch unschätzbare Vorteile: Solange die Sozialpartner die Produktivitätsentwicklung bei Lohnverhandlungen als Richtschnur akzeptieren, besteht einige Aussicht, daß die Preise stabil bleiben. Der private Konsum wächst dann nicht rascher als die Produktion.

Bei einer expansiven Lohnpolitik, dem bemühen also, den Unternehmern durch überproportional steigende Löhne einen Teil der Gewinne wegzunehmen, besteht dagegen immer die Gefahr einer Inflation.

Was tun? Wenn ein System Fehler und Vorzüge hat, legt der gesunde Menschenverstand eigentlich den Versuch nahe, die Fehler zu beseitigen, ohne die Vorteile zu verlieren. Für Flugzeug- und Autokonstrukteure ist das eine Selbstverständlichkeit, denen wir unsere zuverlässigen technischen Geräte verdanken. Bei Sozialpolitikern und den Ideologen der Gesellschaftspolitik vermißt man diese nüchterne Einstellung nur allzuoft.

Muß denn erst die Börse brennen?

Das starre Rezept einer produktivitätsorientierten Lohnpolitik muß durch eine Beteiligung der Arbeitnehmer am neu gebildeten Vermögen ergänzt werden. Nur so kann ein Ausgleich für das mechanische, aber recht zweckmäßige Rezept der am Produktivitätsfortschritt orientierten Lohnpolitik geschaffen werden.

Die heute gültige Rechtsordnung – und nicht nur individuelle Tüchtigkeit – hat mit dazu beigetragen, daß die Vermögen in der Bundesrepublik sehr ungleich verteilt sind. Gesetze lassen sich ändern. Es geht dabei gar nicht darum, einmal legal erworbenen Besitz wieder zu enteignen. Reformen darf nicht der Neid diktieren. Aber ich glaube, man sollte sich endlich ernsthaft Gedanken darüber machen, wie das von Jahr zu Jahr neu entstehende Vermögen gleichmäßiger verteilt werden kann.

Vorschläge, wie so etwas zu machen sei, gibt es genug. Dem "Arbeitskreis Vermögensbildung" im Bundeswirtschaftsministerium liegen etwa ein Dutzend verschiedener Pläne vor. Erst kürzlich hat der Wirtschaftswissenschaftler Wilhelm Krelle wieder ein umfangreiches Gutachten zur "überbetrieblichen Ertragsbeteiligung der Arbeitnehmer" vorgelegt. Es darf nicht, wie so viele andere Vorschläge, in der Versenkung verschwinden – auch wenn manchen Kreisen nichts lieber wäre.

Eine Abwendung von der bisherigen Vermögenspolitik des "wer hat, dem wird gegeben" muß sorgfältig überlegt und diskutiert werden. Änderungen dürfen nur behutsam vorgenommen werden. Die Wirtschaft verträgt keinen abrupten Kurswechsel; und an Reformen, die bei Arbeitnehmern und Kapitalbesitzern gleichermaßen mehr Schaden als Nutzen stiften, kann wohl kaum jemand gelegen sein.

Aber gerade deswegen darf das Thema Vermögensbildung nicht auf die lange Bank geschoben werden.

Kein Wirtschaftssystem ist für die Ewigkeit geschaffen. Ordnungen, die erstarrt und unfähig zur Reform sind, zerbrechen früher oder später. Auch das marktwirtschaftliche System wird trotz seiner in der Geschichte beispiellosen Erfolge nur dann lebensfähig bleiben, wenn es für neue Ideen offen bleibt.

Zu den dringendsten Reformen gehört eine Änderung der bisherigen Vermögenspolitik. Wenn, wie in Paris, die Börse brennt, ist es für ein behutsames Erforschen neuer Wege zu spät.