Die produktivitätsorientierte Lohnpolitik wird heute gerne als Patentrezept zur Lösung aller lohnpolitischen Differenzen empfohlen. Tatsächlich besticht sie auf den ersten Blick: Was erscheint logischer als die Formel, daß bei einem Anstieg der Produktionsleistung um beispielsweise zehn Prozent auch die Löhne im zehn Prozent erhöht weiden? Bekommt auf diese Art nicht jeder seinen "gerechten" Anteil am gemeinsam gebackenen Kuchen?

Lassen wir das Problem der Gerechtigkeit beiseite. Von einer absoluten Gerechtigkeit bei der Verteilung von Einkommen und Vermögen können nur Utopisten, träumen. Hier hat jede Interessengruppe ihr; eigene Vorstellung von dem, was gerecht ist. Bleiben wir bei den praktischen Problemen.

Zunächst einmal ist der Bereich der Wirtschaft, wo sich der Produktivitätsfortschritt tatsächlich einigermaßen genau berechnen läßt, nicht allzu groß. In übrigen – und das ist noch viel gravierender – werden durch diese Art Lohnpolitik die Anteile der sozialen Gruppen an dem zur Verteilung bereitstehenden Kuchen ein für allemal eingefroren. Gleichgültig wie groß er ist, gleichgültig wie rasch das Sozialprodukt wächst, der relative Abstand zwischen den einzelnen Gruppen von Einkommenbeziehein bleibt konstant, die absoluten Unterschiede im Einkommen werden jedoch immer größer.

Kein Zweifel, daß die Gewerkschaften da auf die Dauer nicht mitmachen können. Der Kampf um die Einkommensverteilung kann nicht von Mathematikern geschlichtet werden. Die produktivitätsorientierte Lohnpolitik ist zu primitiv, um den sozialen Konflikt zu beseitigen.

Und doch – wir dürfen sie nicht einfach über Bord werfen. Neben ihren Schwächen hat diese "wissenschaftliche" Lohnpolitik auch unschätzbare Vorteile: Solange die Sozialpartner die Produktivitätsentwicklung bei Lohnverhandlungen als Richtschnur akzeptieren, besteht einige Aussicht, daß die Preise stabil bleiben. Der private Konsum wächst dann nicht rascher als die Produktion.

Bei einer expansiven Lohnpolitik, dem bemühen also, den Unternehmern durch überproportional steigende Löhne einen Teil der Gewinne wegzunehmen, besteht dagegen immer die Gefahr einer Inflation.

Was tun? Wenn ein System Fehler und Vorzüge hat, legt der gesunde Menschenverstand eigentlich den Versuch nahe, die Fehler zu beseitigen, ohne die Vorteile zu verlieren. Für Flugzeug- und Autokonstrukteure ist das eine Selbstverständlichkeit, denen wir unsere zuverlässigen technischen Geräte verdanken. Bei Sozialpolitikern und den Ideologen der Gesellschaftspolitik vermißt man diese nüchterne Einstellung nur allzuoft.