Das starre Rezept einer produktivitätsorientierten Lohnpolitik muß durch eine Beteiligung der Arbeitnehmer am neu gebildeten Vermögen ergänzt werden. Nur so kann ein Ausgleich für das mechanische, aber recht zweckmäßige Rezept der am Produktivitätsfortschritt orientierten Lohnpolitik geschaffen werden.

Die heute gültige Rechtsordnung – und nicht nur individuelle Tüchtigkeit – hat mit dazu beigetragen, daß die Vermögen in der Bundesrepublik sehr ungleich verteilt sind. Gesetze lassen sich ändern. Es geht dabei gar nicht darum, einmal legal erworbenen Besitz wieder zu enteignen. Reformen darf nicht der Neid diktieren. Aber ich glaube, man sollte sich endlich ernsthaft Gedanken darüber machen, wie das von Jahr zu Jahr neu entstehende Vermögen gleichmäßiger verteilt werden kann.

Vorschläge, wie so etwas zu machen sei, gibt es genug. Dem "Arbeitskreis Vermögensbildung" im Bundeswirtschaftsministerium liegen etwa ein Dutzend verschiedener Pläne vor. Erst kürzlich hat der Wirtschaftswissenschaftler Wilhelm Krelle wieder ein umfangreiches Gutachten zur "überbetrieblichen Ertragsbeteiligung der Arbeitnehmer" vorgelegt. Es darf nicht, wie so viele andere Vorschläge, in der Versenkung verschwinden – auch wenn manchen Kreisen nichts lieber wäre.

Eine Abwendung von der bisherigen Vermögenspolitik des "wer hat, dem wird gegeben" muß sorgfältig überlegt und diskutiert werden. Änderungen dürfen nur behutsam vorgenommen werden. Die Wirtschaft verträgt keinen abrupten Kurswechsel; und an Reformen, die bei Arbeitnehmern und Kapitalbesitzern gleichermaßen mehr Schaden als Nutzen stiften, kann wohl kaum jemand gelegen sein.

Aber gerade deswegen darf das Thema Vermögensbildung nicht auf die lange Bank geschoben werden.

Kein Wirtschaftssystem ist für die Ewigkeit geschaffen. Ordnungen, die erstarrt und unfähig zur Reform sind, zerbrechen früher oder später. Auch das marktwirtschaftliche System wird trotz seiner in der Geschichte beispiellosen Erfolge nur dann lebensfähig bleiben, wenn es für neue Ideen offen bleibt.

Zu den dringendsten Reformen gehört eine Änderung der bisherigen Vermögenspolitik. Wenn, wie in Paris, die Börse brennt, ist es für ein behutsames Erforschen neuer Wege zu spät.