Zu Beginn der fünften Streikwoche wurden in Frankreich erneut Barrikaden gebaut. Im Pariser Quartier Latin kam es am Dienstag zu einer Straßenschlacht zwischen Polizisten und einigen tausend Studenten, die sich über den (angeblich von der Polizei verursachten) Tod eines Kommilitonen erregt hatten.

Schwere Zwischenfälle ereigneten sich auch vor der „Peugeot“-Zweigfabrik in Sochoux/Ostfrankreich, als Polizisten den Ring der Streikposten durchbrechen wollten. Ein junger Arbeiter wurde dabei auf bisher ungeklärte Weise erschossen. Die Belegschaft hatte sich am Vortag mit 2666 gegen 2615 Stimmen für eine Wiederaufnahme der Arbeit entschieden. Schon am Wochenende hatten 5000 streikende Arbeiter das von Polizisten besetzte „Renault“-Werk in Flins/Paris zu stürmen versucht, obwohl zuvor 80 Prozent der Belegschaft für eine Beendigung des Ausstandes gestimmt hatten.

Von der einen Million Arbeitnehmern, die Mitte der Woche noch streikten, stammen die meisten aus der Metall- und Autoindustrie. Gestreikt wurde außerdem noch auf den Werften, bei der Handelsmarine, der „Air France“, den Pariser Taxifahrern, der Post, den Mittelschulen und bei der staatlichen Rundfunk- und Fernsehgesellschaft ORTF.

Ohne Rundfunk und Fernsehen sind die auf den 23. und 30. Juni festgesetzten Wahlen zur Nationalversammlung gefährdet. Staatspräsident de Gaulle hatte den Wahlkampf am Freitag voriger Woche eröffnet, als er sich erstmals seit 1965 wieder öffentlich von einem Journalisten, dem Chefredakteur des „Figaro-Litteraire“, Michel Droit, befragen ließ. Das Gespräch wurde mit Hilfe einiger Streikbrecher – bei der ORTF bestreiten 23 von 150 Journalisten ein Minimalprogramm – per Fernsehen übertragen.

De Gaulle warf dem „totalitären Unternehmen der Kommunisten“ vor, sich der berechtigten Revolte der Studenten bemächtigt und diese zum Generalstreik ausgeweitet zu haben. Der Präsident verurteilte freilich den Kapitalismus ebenso wie den Kommunismus und propagierte als dritten Weg die „Participation“, die Beteiligung von Bürgern und Arbeitnehmern am Willensbildungsprozeß in Staat und Wirtschaft.

Die beabsichtigte Frontstellung Bürgertum–Kommunismus trat noch deutlicher zutage, als Ministerpräsident Pompidou am Sonntagabend im Radio für die neue „Union pour la Defense de la Republique“ (UDR) warb – eine über den Parteien schwebende Sammlungsbewegung, die unter Führung der Gaullisten alle republiktreuen Kandidaten von der Rechten bis zur linken Mitte umfassen soll.

Daß der ehemalige Ministerpräsident und Außenminister Georges Bidault nach sechsjährigem Exil nach Frankreich zurückkehren durfte und provisorisch außer Strafverfolgung gesetzt wurde, wirkte wie eine Versöhnungsgeste der Gaullisten gegenüber der extremen Rechten. Bidault, seinerzeit Vorkämpfer für ein „französisches Algerien“ und einer der härtesten Widersacher de Gaulles, hatte Frankreich 1962 als Chef der Untergrundorganisation OAS verlassen.

Auf der linken Seite des Parteienfeldes haben die Föderation Mitterands und die KPF eine Absprache für den entscheidenden zweiten Wahlgang getroffen. Derjenige Kandidat hat dann den Vortritt, der nach dem ersten Wahlgang die besten Aussichten hat, seinen gaullistischen Rivalen zu schlagen. Insgesamt bewerben sich 2298 Politiker um die 487 Sitze in der Nationalversammlung – 115 mehr als bei der letzten Wahl im März vorigen Jahres.