Von Heinz Josef Herbort

Er komponierte neben der Musik für die Nationalhymne der DDR 15 Orchesterstücke und 23 Kammermusiken, vertonte 20 Kantaten, über 50 Chorwerke und rund 250 Lieder, schrieb 37 Bühnen- und 39 Filmmusiken – bei uns ist von all dem fast nichts zu hören. Er war Schüler von Arnold Schönberg und lange Jahre Mitarbeiter von Bertolt Brecht – seine Musiken sind an westdeutschen Theatern nicht gefragt. Er erhielt den Musikpreis der Stadt Wien, 1924, und zweimal den DDR-Nationalpreis, war Präsident des Musikrates, und die Ostberliner Hochschule für Musik trägt seinen Namen – in der Bundesrepublik ist Hanns Eisler so gut wie unbekannt. Als der Komponist im September 1962 starb, wußte man sich hierzulande gerade noch hämisch gewesener Differenzen zwischen dem Schönberg-Schüler und dem sozialistischen Realismus zu erinnern.

Während es den Theatern und den Buchverlagen noch gelegentlich gelingt, einen DDR-Autor vorzustellen, zuweilen sogar mit einigem Erfolg, hat DDR-Musik, so scheint es, für die Bundesrepublik zu existieren aufgehört. Versuche westdeutscher Generalmusikdirektoren, neue Musik aus dem anderen Teil Deutschlands aufzuführen, scheiterten bisher fast regelmäßig, entweder am Einspruch hiesiger Partei- und Verwaltungsoberen, an mangelnder Bereitschaft, Gänsefüßchen in Verträgen aufzugeben, oder an dem Verlangen der DDR-Behörden, wenn schon, dann ausgesucht linientreues Material hinauszulassen.

Einer der wenigen, die es schaffen, über bundesrepublikanische Schatten zu springen wie sich das Entgegenkommen Ostberlins zu erhalten, ist der Westdeutsche Rundfunk. In der letzten Woche strahlte er die letzte von siebzehn Sendungen einer Reihe „Hanns Eisler über Kunst und Politik“ aus.

Kern dieser Reihe sind vierzehn Gespräche, die Hans Bunge, der ehemalige Leiter des Brecht-Archivs, mit Hanns Eisler in den Jahren 1958 bis 1962 in dessen Wohnung führte und mit einem privaten Magnetophonbandgerät aufzeichnete. „Wir hatten kein Konzept“, sagt Bunge, „wir wollten nichts beweisen, sondern nur etwas herausbekommen: Ich wollte Eisler über seine Zusammenarbeit mit Brecht ausfragen.“ Was man herausbekam, war mehr als ein Report über eine solche Zusammenarbeit, man erhielt die Bekenntnisse eines Nonkonformisten.

„Der Hörer darf den Konzertsaal nicht dümmer verlassen, als er ihn betreten hat“, forderte Eisler, und eines der Themen, auf die der Komponist in den Gesprächen immer wieder zurückkommt, ist die „Dummheit in der Musik“, für Eisler sowohl die falsche Anwendung musikalischer Prinzipien, deren Wirkung verpufft, weil sie nicht – im Sinne des epischen Theaters Brechts – den Hörer hinführen zur Erkenntnis des Wesentlichen, als auch die „systematische Verdummung durch die ablenkende Banalität seichter Unterhaltung“.

Daher auch seine Konzeption beim Komponieren: „politische Intelligenz mit musikalischen Mitteln gestalten“. Seine politische Heimat war, seit er sich 1924 in Berlin niederließ, die Arbeiterklasse. Seine Intelligenz schulte er an der Lektüre von Hegel und Marx, vor allem was Hegel ihm bedeutet hat, wird in den Gesprächen deutlich, dialektisch gewandten, geistreichen Unterhaltungen, in denen Eisler spontan reagiert, vom Hundertsten aufs Tausendste kommt, aber immer zum Kern zurückfindet, Diskussionen über das epische Theater und den Verfremdungseffekt, Aphorismen über Erfahrungen am Theater, Zusammenhänge von Theater und Gesellschaft, Gesellschaft und Theaterkonsum, Behauptungen und Ergebnisse, die dann wieder als vorläufig bezeichnet werden, Ironie, Irrtümer, Zweifel, Späße, Ratschläge.