Von Robert Jungk

Im Hörsaal I des neuen Institutsgebäudes der Universität Wien wurde am vergangenen Freitagabend ein wissenschaftlicher Vortrag über die „Input-Output-Theorie“ gehalten. Aber während der Sprecher – Cäsarenhaarschnitt, randlose Brille, blaues Sporthemd, gelber Schlips – seine graphischen Erläuterungen an die Wandtafel schrieb, hatte sich die Aufmerksamkeit der etwa fünfhundert auf Bänken und in den Gängen dichtgedrängten Studenten einer anderen Demonstration zugewandt: Auf dem langen schwarzen Tisch neben dem Vortragspult war plötzlich ein splitternackter knochiger Jüngling aufgetaucht, der sich mit einem Rasiermesser auf der rechten Brustseite eine blutende Schnittwunde beibrachte und kurz darauf für das immer mehr erstarrende Auditorium noch vielfältigen anderen „Output“ seines hageren Körpers hervorbrachte. Eine Schaustellung, die bald durch vier weitere sich exhibitionierende Nackedeis sowie einen entblößten, unter Schlägen jammernden Masochisten „eskaliert“ wurde.

Mit diesem im Rahmen eines Abends über „Kunst und Revolution“ dargebotenen „Happening“ hat die den Weltereignissen nachhinkende und bisher eher zahme Wiener Studentenbewegung versucht, sich an die Spitze aller provozierenden Aktionen zu setzen. In einer Erklärung der Veranstalter – es handelt sich um eine kleine maoistische Fraktion des SÖS (Sozialistischer österreichischer Studentenbund) – heißt es unter anderem:

„Daß jemand seinen nackten Körper zeigt, bearbeitet und bearbeiten läßt, nicht bei Nacht am verschwiegenen Ort, muß jene in Panik versetzen, denen die Natürlichkeit des Leibes zur Erfindung der Pornographen geworden ist. Angesichts ihrer empörenden Reaktionen auf die Darstellung der depravierten Sexualität ist festzustellen, daß im Gegensatz dazu der herrschende Kulturbetrieb, der an der Verdummung der Menschen arbeitet, obszön ist. Es gibt keine Pornographie als die Herrschaft.“

Ihrem Berichterstatter schienen die Reaktionen der im Hörsaal I Anwesenden nur deshalb empörend, weil sie viel zu schwach waren. Wenn nur wenigstens ein einziger Student empört aufgesprungen wäre und „aufhören“ gerufen, wenn nur einer von ihnen seine Kommilitonen vor dem Abgleiten von der Revolution in die Perversion gewarnt hätte!

Aber niemand wollte als prüde gelten. Die Einwände der wenigen Opponenten, die sich nach Ende dieser peniblen Hörsaal-Orgie hervorwagten, waren zu hilflos, um gegen die pseudofreudianische „Dialektik“ der „Partisanen“ aufzukommen, die widerspruchslos verkündeten: „Die einzige Kunst, die der heutigen Gesellschaft noch beikommt, ist die Kunst der Revolution. Kunst überlebt in der Organisierung des internationalen Befreiungskampfes. Kunst ist die Stürmung der US-Botschaft in Saigon durch den Vietkong.“

War den Organisatoren des Wiener Studenten-„Happening“ bekannt, daß der „Künstler“, den sie sich zur Inszenierung ihrer schockierenden Schaustellungen geholt hatten, schon vor Jahren auf der hiesigen Irrenanstalt Steinhof psychiatrisch beobachtet wurde (weshalb auch dessen öffentliche Äußerung, man solle doch endlich das „Freudenmädchen Jackie Kennedy“ umlegen, nur als Hervorbringung eines armen Verwirrten zu werten ist)?