Von Theodor Eschenburg

Der neunzehnjährige Berliner Student Peter Brandt wurde wegen zweimaligen Auflaufs zu vierzehn Tagen Jugendarrest verurteilt. Wäre Peter Brandt nicht der Sohn des Außenministers und vor allem des SPD-Vorsitzenden, so würde von diesem Urteil kaum Aufhebens gemacht werden. Man braucht nicht Mitscherlich gelesen zu haben, um zu wissen, daß Eltern für das Verhalten ihrer heranwachsenden und erwachsenen Kinder nicht prinzipiell verantwortlich gemacht werden können. Umgekehrt kann man aus dem Verhalten der Kinder nicht ohne weiteres auf die Eltern schließen. Würde Brandt etwa ein besserer Außenminister sein, wenn sein Sohn in Betragen und Religion die Note „sehr gut“ gehabt hätte? Auf keinen Fall darf man das, was der Sohn gesagt und getan hat, dem Vater anlasten.

Man braucht den jungen Brandt nicht in Schutz zu nehmen. Aber sind etwa die Gegentypen Peter Brandts akzeptablere Erscheinungen, jene braven, prestigesüchtigen Abkömmlinge aus der hohen, vor allem politischen Prominenz, die ihrem Vater alles schuldig zu sein glauben, um aus den Ansprüchen seiner Würde Nutzen für sich zu ziehen? Gierig schnappen sie nach den Ehren, die von des Vaters Tische fallen: „Der Papa wird’s schon richten.“

Diese Sprößlinge und deren Mütter haben es gern, wenn ihr Familienleben der Öffentlichkeit in Wort und Bild dargeboten wird. Es ist keineswegs immer die Presse, die von sich aus in die Intimsphären der prominenten Väter eindringt. Sie wird vielmehr hineingezogen, aber nur, soweit die Angehörigen sicher sind, daß sie in günstigem Lichte erscheinen oder entsprechende Retuschen vorgenommen werden. Dieser Hang zur Publizität beruht nicht nur auf Eitelkeit, es geht um Popularität. Das ist die billigste, aber vielleicht rentabelste Wahlpropaganda.

Fassungslos jedoch ist diese Art von Prominenten, wenn die Presse Peinlichkeiten in ihren Familienkreisen aufdeckt. Viele Politiker haben das Äußerste getan, um Presse, Schulen und Gericht zu beschwören, über diesen oder jenen Vorfall in der Familie – von denen mancher sehr viel prekärer ist als das Verhalten Peter Brandts – unbedingt zu schweigen. Dabei scheinen die Gerichte nicht immer – was Gleichheitsbehandlung und Sorgfaltspflicht bei Aktenbehandlung angeht – korrekt verfahren zu sein, und an massivem Druck auf die Presse, besonders im lokalen Bereich, hat es nicht gefehlt. Man kann aber nicht die Presse ermuntern, die lieblichen Informationen zu pflegen und die peinlichen zu unterlassen.

Maximilian Harden, ein hochbegabter, wenn auch sehr umstrittener Journalist aus der Kaiserzeit, hat einmal gesagt: „Die Politik hört unter dem Nabel auf.“ Das ist zuwenig. Sie hört auf an den Wänden des eigenen Hauses.

Nun kann es entweder einen völligen Schutz der Intimsphäre geben oder gar keinen. Doch sollte man es nicht bei den jetzigen Usancen belassen? Diese Art von Informationen sind ebenso interessant wie amüsant und zudem nicht so schwer verständlich wie Finanz- und Wirtschaftsnachrichten. Dagegen spricht, daß diese Form politischer Publizistik mehr und mehr zum Instrument der Propaganda geworden ist, wodurch die politische Moral noch mehr vergiftet wird. Ein prinzipieller Verzicht, der sich erst im Laufe einer längeren Zeit wird durchsetzen können – im Sinne der publizistischen Moral, nicht auf Grund von Rechtsvorschriften –, ist Voraussetzung dafür, daß Erscheinungen und Ereignisse der Intimsphäre durch die politische Propaganda – gleichgültig, ob positiv oder negativ – nicht mehr ausgenützt werden können.