Von Vitus Dröscher

Der Mensch wehrt sich gegen die Herrschaft brutaler Gewalt. Hat er aber eine Autorität, eine Firma, eine Partei, einen Vorgesetzten, ein Staatsoberhaupt von sich aus anerkannt, folgt er ihr in erschreckend vielen Fällen bedenkenlos, auch wenn er dabei Dinge tun muß, die unmoralisch, unanständig und unmenschlich sind. Wer sich freiwillig einer Autorität unterordnet oder sie gar verehrt, ist ihr nach Ansicht namhafter Psychologen und Verhaltensforscher in hohem Maße kritiklos ausgeliefert.

Wie viele oder wie wenig Menschen besitzen die moralische Kraft, einer unmoralischen Autorität den Gehorsam zu verweigern? Welche archaischen Verhaltenselemente reißen uns zu jenen vernunftswidrigen Handlungen hin? Können wir dafür eine Erklärung im Verhalten sozial lebender Tiere finden? Mit diesen Fragen befaßt sich Dr. Irenäus Eibl-Eibesfeldt in seinem Buch: „Grundriß der vergleichenden Verhaltensforschung – Ethologie.“ (Wir werden dieses überaus interessante Lehrbuch, das im Piper Verlag München erschienen ist, noch ausführlich besprechen.)

In sieben Testserien wollte.der amerikanische Psychologieprofessor an der Yale-Universität Stanley Milgram herausfinden, ob es seiner Autorität gelingen würde, Versuchspersonen dazu zu bringen, andere Menschen zu quälen, zu foltern und umzubringen. Es gelang ihm mit beunruhigender Leichtigkeit.

Insgesamt holte der Forscher 280 Leute – einzeln! – von der Straße, um zu prüfen, ob sie sich als Schindknechte mißbrauchen ließen. Er redete zu ihnen nicht einmal von weltanschaulichen oder anderen „höheren“ Idealen, sondern drückte jedem nur ein absichtlich sehr gering gehaltenes Honorar in die Hand und täuschte ihnen vor, daß er sie als Lehrer brauche. Sie sollten ergründen, ob ein Schüler unter dem Eindruck immer härterer Strafen besser oder schlechter lernen würde, bestimmte Aufgaben zu lösen. Der Lehrer habe eine Reihe vorgeschriebener Fragen zu stellen und jeden Fehler fortschreitend schärfer zu bestrafen.

Das Strafspektrum kann als wahrhaft drakonisch bezeichnet werden: Zunächst schnallte Dr. Milgram gemeinsam mit dem „Lehrer“ in einem separaten Schülerzimmer den vermeintlichen Schüler auf einen elektrischen Stuhl. Im Lehrerzimmer stand der Bestrafungsapparat: eine Reihe von dreißig Knöpfen, mit denen dem „Schüler“ angeblich elektrische Schläge von 15 bis 450 Volt versetzt werden konnten. Außer der Voltzahl standen bei jeder Taste unmißverständliche Hinweise auf die Folgen von „geringer Schock“ bis „Gefahr: schwerer Schock“. Selbstverständlich war der von den Schocks gequälte Schüler in Wirklichkeit ein Komplice des Forschers, der nur vorgab, Schmerzen zu verspüren.

In der ersten Versuchsreihe waren beide Zimmer so weit voneinander entfernt, daß der „Lehrer“ den „Schüler“ nicht schreien hören konnte. Obgleich jeder Mensch wissen dürfte, daß bereits die 220 Volt aus der Steckdose tödlich sein können, gingen alle Testpersonen ohne Zögern die ganze Skala der Strafreize bis 450 Volt durch. Abstraktes Wissen um mögliche Folgen bietet also keine Schranke gegen Handlungen, die eben diese Folgen herbeiführen. Zweifellos werden im Kriegsfall auch jene „Knöpfe“ mit gleicher Unbedenklichkeit betätigt werden, die Atomraketen starten.