Wenige Tage vor seiner Reise nach Österreich und Jugoslawien hat Bundesaußenminister Brandt in Bonn aufs Tempo gedrückt: Auf einer Pressekonferenz forderte er vorige Woche die Bundesregierung auf, die noch anstehenden Aufgaben zügiger zu lösen. Er unterbreitete dem Koalitionspartner ein „kleines Regierungsprogramm“, das die SPD bis zur Bundestagswahl 1969 erfüllt sehen will. Es enthält fünf Punkte: 1. Finanzverfassung, 2. Verkehrs-Reform (Leber-Plan), 3. Strukturverbesserungen an Ruhr und Saar, 4. Wirtschaftliche Stärkung der Zonenrandgebiete und Westberlins, 5. Aktivierung der EWG-Politik bei gleichzeitiger Entlastung der Verbraucher.

Am Wochenende traf Brandt den Bundeskanzler in Bad Dürkheim, nachdem er sein Programm in zwei Briefen an Kiesinger erläutert hatte. Dabei brachte er weitere Wünsche vor: Aktivierung der Ostpolitik, Förderung des Ost- und Interzonenhandels, Vorschläge für ein europäisches Sicherheitssystem und für die allgemeine Abrüstung. Außerdem berieten die beiden Politiker über die Nachfolger von Entwicklungshilfeminister Wischnewski und Bundespräsident Lübke.

Mit seinem Programm, das Brandt als Konzentrat der Beratungen im „Kreßbronner Kreis“ betrachtet, will die SPD der Großen Koalition einen Anstoß zum Endspurt geben. Die Entscheidung der Sozialdemokraten in Baden-Württemberg, ihre Koalition mit der CDU für die nächsten vier Jahre zu verlängern, könnte dafür ein günstiges Klima geschaffen haben. Die Stuttgarter Entscheidung der SPD-Landtagsfraktion entgegen dem Willen der Landesdelegiertenkonferenz in Kehl war unter dem Druck drohender Neuwahlen gefallen, nachdem sich die FDP der CDU versagt hatte.